Zerstörte Illusionen Teil 1: Baby als Beziehungsretter

Unter dem aufbauenden Titel „Zerstörte Illusionen“ möchte ich eine Blogreihe in loser Reihenfolge starten. Denn als Muddi bekommt man vor allem eines direkt am Anfang: einen gehörigen Realitycheck! BÄM! Da wird einem die rosarote Brille vom Kopf gerissen. Da werden romantisierte Vorstellungen im Keim erstickt, urbane Legenden widerlegt und einem völlig unrealistische Überlieferungen schön um die Ohren gehauen. Klatsch! Da haste den Salat und die Suppe kannste auch schön selber auslöffeln – falls du noch dazu kommst.

Muhaha.

Ich möchte hier nicht die Frau Dr.Evil der Muddi-Blogs spielen, aber manchmal geht es nicht anders. Doch „Zerstörte Illusionen“ haben auch etwas Positives – sie machen Platz für die Realität. Für das Wissen, das man plötzlich hat und mit dem Geheimbund – quasi den Illumintaten of Motherhood – teilt. Und das ist toll. Wenn da mal wieder so eine ahnungslose Erst-Schwangere von ihren Plänen für die Elternzeit (Latte Macchiato trinken, Fotobücher machen und eine Weltreise mit Baby) berichtet, dann lacht die Dr.Evil in mir. Dann muss ich anderen anwesenden Muddis nur wissend zunicken.

Muhaha.

Träum weiter. Das Witzige daran: nur wenige Monate zuvor war ich eine von ihnen. Ahnungslos. Naiv. Unvorbereitet. Ich denke – das war auch gut so. Das ist so etwas wie der „Circle of life“. Ahnungslosigkeit sichert den Bestand unserer Spezies. Ach ja, und: Hormone.

Erst-Schwangere können somit ruhig über das richtige Nachthemd philosophieren, welches sie bei der Geburt tragen wollen, über Wege einer schmerzfreien Geburt sinnieren oder ihre Pläne für das Abstillen nach sechs Monaten und den schnellen Wiedereinstieg in den Job kund tun – ich kommentiere das nicht. Auch, wenn ich nun weiß, dass meist doch alles anders kommt und dass die meisten Pläne von vorher recht schnell über den Haufen geworfen werden. Nur bei einer Sache schrecke ich hoch – wie aus einem Traum, der durch Babygeschrei unterbrochen wird: Wenn Frauen der Meinung sind, dass ein Baby eine Beziehung retten kann.

Muhaha.

Ne, das ist nun wirklich bullshit. Denn mit dem Zeugungsakt ist der mega romantische Part der ganzen Nummer auch erstmal vorbei. Gut, bei einer unkomplizierten Schwangerschaft ohne Kotzerei vielleicht auch erst danach. Aber mit der Geburt ist der romantische Teil dann wirklich over. Meine Hebamme berichtete mir von Beziehungen, die sogar schon an der Geburt selbst gescheitert sind. Man(n) sieht und erlebt vielleicht Dinge, die er/sie nicht verarbeiten kann. Wobei so ein Erlebnis auch zusammen schweißen kann. Aber eine angeschlagene Beziehung retten? Das glaube ich nicht. Gerade die erste Zeit mit Baby stellt eine Partnerschaft ziemlich auf die Probe. Schlafmangel, die völlige Umstellung des Lebens von heute auf morgen, die Aufgabe vieler Freiheiten, die Verantwortung…ja, genau: sexy klingt anders. Von Äußerlichkeiten und dem Zustand des Körpers mal ganz zu schweigen. Zweisamkeit steht erst einmal hinten an. Man muss sich als Paar neu arrangieren. Neu finden. Das ist manchmal mega anstrengend. Mit dem falschen Partner ist das sicherlich die Hölle. Denn man merkt in dieser Phase sehr schnell, ob man gut zusammen passt oder nicht. Denn es ist eine echte Bewährungsprobe.

Aber: (es gibt bei meinen Texten irgendwie immer ein Aber fällt mir gerade auf) es kann eine Beziehung auch festigen. Wenn man nach einer Woche in der Zahnungshölle um 3 Uhr morgens mit dem schreienden Kind auf dem Arm noch einen blöden Witz machen kann. Wenn man erschöpft mit dem wehrigen Kind in der Mitte und einem Fuß im Gesicht noch kurz vor dem Wegdösen dem anderen über die Hand streicht. Wenn man weiß, dass der Andere nicht mehr kann und man – obwohl man selbst auch nicht mehr kann – den Partner schlafen lässt. Wenn man zufällig gemeinsam die ersten Schritte des Kindes beobachtet und zusammen vor Freude ausrastet. Dann macht es die Zickereien nach einer durchwachten Nacht oder den Frust über einen beschissenen Tag mit Essensverweigerung und einem mittelschweren Wachstumsschub inklusive Wutanfall wieder wett. Dann weiß man ein Abendessen in einem Restaurant zu zweit wieder zu schätzen. Aber reparieren kann das alles eine Beziehung nicht. Der Alltag kann schon eine ziemliche Bitch sein. Somit wird Frau Dr.Evil wohl zur Sprechstunde bitten müssen, wenn sie hört, dass jemand glaubt, dass ein Baby ein Beziehungsretter ist…ein Baby ist und kann vieles, aber das nun wirklich nicht.

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10 Kommentare zu „Zerstörte Illusionen Teil 1: Baby als Beziehungsretter

  1. Man hört ja immer, dass sich VIELES ändert mit einem Baby. Das stimmt natürlich nicht.
    Es ändert sich einfach ALLES.

    Der ganze Tagesablauf ist dahin, die Nacht wird meistens eher zum Tag und das eigene Kind wird plötzlich zum Chef. Zum Taktgeber. Von Wäsche und Haushalt will ich gar nicht erst anfangen. Geben, geben und nochmals geben.

    ABER: Da sind diese Momente. Wenn es Dich anlächelt, es nur bei Dir im Arm zur Ruhe kommt und Du die Liebe spürst, die Du plötzlich zurück bekommst… Dann ist alles wieder gut und es war der ganze Stress wert.

    Wenn man das dann noch mit seinem Partner teilen kann, ist es die schönste Sache auf der Welt.

    Schöner Beitrag!

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  2. Knallhart, aber ehrlich – muss auch sein! Ja, der Alltag mit Kids ist eine Herausforderung und der härteste und schönste „Job“, den ich je gemacht habe. Was mir nach einer durchwachten (ich) und durchbrüllten (meine Küstenkids) Nacht hilft: Die wahnsinnige Liebe, die ich für meine Kinder empfinde. Und der zuckersüße Body mit „I love Mum“ drauf. Wir haben davon auch die Papi-Variante – denn der liebt sie genauso wie ich…

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  3. Pingback: Frisch aus dem Meer gefischt : Liste der besten Blogs Teil 1 | Fadenvogel

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