Abschied vom Pflegekind: „Er wird sich nicht an uns erinnern können“

Als das Auto aus der Einfahrt zurücksetzt, langsam durch den Regen in die Dunkelheit fährt und das Licht der Scheinwerfer in der Ferne erlischt, weiß Luka* noch nicht, dass dieser Abschied für immer ist. Sie werden nicht zurückkommen. Sie werden ihn nicht wieder abholen. Diesmal nicht. „Er wird sich später nicht an uns erinnern können, aber vielleicht bleibt ja was hängen – ein Gefühl, dass da jemand war“, sagt Karen F. und es klingt als wolle sie sich mit diesen Worten selbst ein bisschen trösten.

Luka wird bald ein Jahr alt. Seine leiblichen Eltern sind Junkies. Sie haben ihr Baby nach der Geburt nicht mit nach Hause nehmen dürfen. Luka musste direkt nach seiner Geburt einen Entzug machen. Wochenlang lag er im Krankenhaus – ein Häufchen Elend. Zitternd, viel zu klein und nicht ahnend, was seine Eltern ihm bereits vor der Geburt angetan haben. Das Jugendamt entschied damals schnell. Luka kam direkt aus dem Krankenhaus in eine Bereitschaftspflegefamilie. Der Mutter des Jungen wurden bereits zwei Kinder weggenommen. Luka ist Nummer drei.

Bei Familie F. kommt der Junge unter. Ein wohliges Heim voller Liebe. Ein Einfamilienhaus mit großem Garten. Die drei eigenen Kinder sind bereits erwachsen und aus dem Haus. Doch das Ehepaar F. hat auch im Rentenalter noch viel zu geben, will sich einbringen. Sein erstes Weihnachtsfest feiert Luka mit einer zwölfköpfigen Familie. Er bekommt Geschenke, spielt mit der Enkelin seiner Pflegemutter, wird gedrückt, geherzt, durch die Luft gewirbelt und als Teil der Familie behandelt. „Schade, dass er sich daran nicht mehr erinnern wird“, merkt jemand an, während Luka durch das Wohnzimmer robbt, am Weihnachtsbaum zupft  und lacht.

Seit zwei Jahren engagiert sich Karen F. in der familiären Bereitschaftspflege der Kinder- und Jugendhilfe in ihrer Stadt. Ihr Mann unterstützt sie dabei. In Bereitschaftspflegefamilien kommen Kinder übergangsweise unter, bis Jugendamt, leibliche Eltern und oftmals auch die Justiz über das weitere Schicksal entschieden haben. Das kann – je nach Fall – Tage, Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre dauern. Die Kinder werden aus akuten Krisensituationen herausgenommen und sollen sich in den Familien wieder erholen.

„Das Kind wird sofort Teil der Familie“, berichtet Karen. Seit fast zehn Monaten lebt Luka nun bei ihr und ihrem Mann Paul. Den Großteil seines bisherigen Lebens hat der Junge in dieser Familie verbracht. „Ich dachte immer, dass man einem fremden Kind gar nicht so viel Liebe geben kann, aber das stimmt nicht. Für mich gibt es keinen Unterschied“, erklärt die 66-Jährige. Ihr Mann pflichtet nickend bei und fügt hinzu: „Er ist ein kluges Kerlchen und macht uns viel Freude. Schade, dass es für ihn so gelaufen ist.“

Im Rentenalter wieder Windeln zu wechseln und nachts aufstehen zu müssen, ist für sie kein Problem. 34 Jahre lang hat Karen als Nachtschwester im Krankenhaus gearbeitet. Sie kennt sich aus mit langen Schichten und dem menschlichen Leid. „Anstrengend ist das schon mit einem Baby in meinem Alter, aber es macht unheimlich viel Freude“. Luka ist bislang das vierte Kind, das sie und ihr Mann aufgenommen haben. Heiles Familienleben auf Zeit. „Der Junge hat sich super entwickelt“, sagt sie nicht ohne Stolz. Regelmäßige Besuche bei Ärzten gehören mit zu ihren Aufgaben. Außerdem muss sie mehrmals die Woche den leiblichen Eltern Besuchstermine ermöglichen. „Das geschieht im Kinderheim auf neutralem Boden. Die Eltern dürfen auch unseren vollen Namen und unsere Adresse nicht wissen, damit sie nicht plötzlich vor der Tür stehen und ihr Kind abholen wollen“. Denn: Nicht immer reagieren die leiblichen Eltern auf die Pflegefamilien verständnisvoll und positiv.

Bis zum Schluss hatten Lukas Eltern gedacht, dass sie ihren Sohn wiederbekommen würden. Die Besuchstermine bei der Kinderhilfe haben die Beiden regelmäßig wahrgenommen. Das tun nicht alle Eltern. „Sie haben ihr Leben einfach nicht auf die Reihe gekriegt. Sie lieben ihr Kind schon irgendwie, aber sie können es nicht aufziehen“, sagt Karen. Groll hegt sie keinen: „Sie sind eben krank. Da ist einfach so viel schief gelaufen.“ Mit Eltern, die ihre Kinder misshandelt oder vernachlässigt haben, sei der Umgang schwieriger. Dennoch haben Lukas Eltern zurzeit keine Chance, den Jungen zurückzubekommen: Die Eltern kommen nicht von den Drogen weg und lebten zeitweise sogar in einem Zelt. Dabei erweisen sich beide als beratungsresistent. „Sie haben den Ernst der Lage nicht erkannt.“ Das ändert sich erst, als das Jugendgericht entscheidet, dass ihnen das Kind dauerhaft entzogen wird. „Zum letzten Besuchstermin sind sie nicht mehr gekommen. Sie haben sich nicht verabschiedet“, berichtet Karen.

Wie hart der Abschied auch für die Bereitschaftspflegefamilie ist, merken Karen und Paul jetzt am eigenen Leib. Sie stehen im Nieselregen vor dem Haus der neuen Pflegefamilie. Nach vielen Terminen zum Kennenlernen, Annähern und Beobachten darf Lukas heute bleiben. So soll es sein. Sie freuen sich, dass eine gute Familie für ihren Luka gefunden wurde. „Es bringt ja nichts, das weiter hinauszuzögern. Der Kleine fühlt sich bei seinen neuen Eltern wohl und wir wollen es ihm so einfach wie möglich machen, sich hier einzugewöhnen“, sagt Karen. In der Hand hält sie ein paar Stofftiere, Plastikautos und ein Fotoalbum. „Er soll sich später an uns erinnern. Deswegen habe ich ein Album von seinem ersten Jahr gemacht.“ Ein letztes Mal streicht sie ihrem „Luki“ über den Kopf. Der kleine, pausbäckige Junge mit den großen runden Augen blinzelt zwei Mal und grinst. Tränen steigen der 66-Jährigen und ihrem Mann in die Augen. Auch die neue Pflegemutter beginnt zu weinen und schaut sich hilflos um. Dann drehen sich Karen und Paul um, steigen ins Auto und fahren los. In den Rückspiegel blicken sie diesmal nicht. Es geht einfach nicht.

*aus Datenschutzgründen sind alle Namen geändert und alle Ortsangaben entfernt worden.

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13 Kommentare zu „Abschied vom Pflegekind: „Er wird sich nicht an uns erinnern können“

  1. Ich ziehe meinen Hut vor Bereitschaftspflegeeltern…Vor einer Weile kam auf ZDF bei 37 Grad ein Bericht darüber. Das hat mir beim Zusehen schon fast das Herz zerrissen. Die Vorstellung, ein Kind, das Teil der eigenen Familie geworden ist, wieder abzugeben, ist befremdlich. Auch, wenn man vielleicht weiß, dass die Kinder in eine gute neue Familie kommen. Und auch den Gedanken, dass die leiblichen Eltern immer noch die Möglichkeit haben, das Kind zu sich zurück zu holen, finde ich in vielen Fällen furchtbar. Was macht so etwas mit einem Kind? Ein sehr bewegender Post, den du da geschrieben hast. Gibt es einen bestimmten Hintergrund dafür, wenn ich fragen darf?

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    1. Ich habe den Artikel schon vor einer Weile geschrieben. Es ist mir schwer gefallen, ihn zu veröffentlichen, weil ich selbst involviert war. Meine Eltern sind die Pflegeeltern. Ich wollte das in dem Artikel aber nicht thematisieren, weil er für sich stehen soll. Stellvertretend für all die tollen Eltern, die das machen und wissen, wie hart es ist Kinder wieder abzugeben. Jetzt als Mutter finde ich es noch schlimmer und dachte, dass es Zeit ist den Text zu veröffentlichen.

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      1. Das ist sehr berührend. Ich arbeite bei einem Träger der Hilfen für Menschen mit Behinderung und meine Kollegin begleitet Familien, die ein Kind mit Behinderung als Bereitschaftspflegekind aufnehmen.möchten. Wenn man da manchmal etwas über die Herkunftsfamilie und die Umstände, warum die Kinder eine Behinderung davontragen hört, packt mich die Wut. Vor allem, wenn man dann noch mitbekommt, dass die Chancen hoch sind, dass die leiblichen Eltern die Kinder irgendwann wieder bekommen können. Jeder Mensch macht Fehler und jeder Mensch hat auch zweite Chancen verdient, aber in den Fällen geht das oft auf Kosten der Kinder. Das finde ich sehr schlimm. Das wäre auch absolut kein Bereich, in dem ich tätig sein könnte. Da wäre ich nicht professionell genug. Aber es ist schön, dass es Menschen gibt, die Kindern ein zu Hause geben und sie erfahren lassen, was es bedeutet, mit Familie und Liebe aufzuwachsen. Großen Respekt vor deinen Eltern; das ist wahrlich ein ganz besonderes Geschenk an die Kinder💗

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  2. Oh Mann, es ist selber ein kleiner Traum von mir, so einen Bereitschaftsdienst mal zu machen. Dein Bericht zeigt mir, dass es da wohl noch viele schwierige Ebenen gibt. Ein Kind wieder abzugeben, das stellt ich mir super schwierig vor. Vor allem, wenn man ja manchmal nicht überzeugt davon ist, dass es ihm nachher besser geht. Hut ab vor deinen Eltern. Vielleicht bin ich auch nicht professionell genug. Mit kleinen Kindern ist man ja noch voller Hormone und mein Löwenmama-Instinkt ist dafür noch zu stark. Vielleicht muss man die eigenen Kinder erst mal als Erwachsene sehen, um zu wissen, dass Kinder ihren Weg machen werden – auch die fremden Kinder.

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  3. Meine Eltern haben sich nie an die Abschiede gewöhnt. Manche Kinder bleiben nur kurz, aber mehrere Kinder sind sogar über ein Jahr bei ihnen gewesen. Sie haben aber nun aufgehört. Schön ist, dass sie einen tollen Kontakt zu den Pflegeeltern eines Kindes haben. Aber viele Pflegeeltern wollen das nicht.

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  4. Also ich könnte das nicht, Hut ab vor allen Pflegeeltern!!! Ich würde am Liebsten allen Kindern auf dieser Welt helfen und ein Zuhause geben, aber zu wissen, dass dies nur auf Zeit ist und ich die Kinder irgendwann wieder verlassen muss, würde mir das Herz brechen!

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  5. Ich bin selber Pflegemutter und sehe oft die Angst von frischen Pflegeeltern, dass Ihnen das Kind wieder weggenommen wird oder gar eine Rückführung stattfindet. In einer Pflegschaft ist es unmöglich eine emotionale Bindung her zu stellen um all die Wunden zu heilen die diese kleinen Menschen schon mit sich tragen und doch genug Klarheit und Abstand zu wahren, da man ja „nur“ Pflegeeltern sei. Ein Unding ist eine solche Aussage! (Davon abgesehen das es da auch Regelungen und RECHTE gibt, diese man allerdings ja nur kennen muss).
    Aber ich habe auch viele Frauen als Kurzzeitpflegestellen oder Auffangstellen kennen gelernt und habe jeder Einzelnen von ihnen meinen vollen Respekt und meine Bewunderung ausgesprochen

    Liebste Grüße
    JesSi Ca – eine Pflegemutter aus vollem Herzen 😉

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    1. Viele Bereitschaftspflegefamilien (doofes Wort) nehmen die Kinder ja dann auch dauerhaft. Aber alle Kinder kann man nicht aufnehmen und meine Eltern waren dann auch einfach zu alt. Sie hatten aber darüber nachgedacht. Abstand zu wahren, ist fast unmöglich. Leider gibt es auch die Fälle, in denen die Pflegefamilien ihre Kinder wieder abgeben. Kam sogar mehrfach vor. Auch krass. Dann wechselt so ein Kind gleich drei Mal die Familie. Deswegen Respekt an all die guten und tollen Pflegefamilien da draußen!

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  6. Da ich noch recht jung Mama gewurden bin, hab ich, als ich von der Schwangerschaft erfahren habe, kurz überlegt aufgrund von Drogenproblemen mein Kind nach der Geburt weg zugeben u das Kind nicht zu behalten. Es wäre der größte Fehler meines Lebens gewesen. Als ich deinen Artikel gerade gelesen habe, wurde mir wieder einmal mehr bewusst wie sehr mir Alfred Kwak fehlen würde. Danke dafür u dafür dass es Menschen wie deine Eltern gibt die den Entchen helfen, deren Eltern zu krank sind sich für ihr Kind zu entscheiden.

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    1. Wow…das war sicherlich eine harte Zeit! Toll, dass du es heute rückblickend so sagen kannst! Das freut mich sehr für dich! Ich kann mir selbst kaum vorstellen, wie es sein muss, sein Kind abzugeben.

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