Bauchgefühl vs. Google?

Da ich nie Ratgeber-Bücher gelesen habe, wusste ich vor der Geburt meiner Tochter nicht viel über Babys. Ich wollte irgendwie unbefangen an die Sache rangehen, mich nicht vorher schon verrückt machen, was mein Kind wann können muss und welche Probleme auftauchen könnten. Und ich wollte vor allem eines: auf mein Bauchgefühl hören. Dann habe ich gemerkt, dass genau das gar nicht so einfach ist.

Meine Oma (Jahrgang 1898, nein das ist kein Tippfehler und ja, sie ist natürlich schon tot) hat neun Kinder bekommen. Meine Mutter war die Jüngste und ich war dann auch wiederum die Jüngste (deshalb der krasse Altersunterschied). Bis auf meine Mutter hat sie alle Kinder zu Hause bekommen. Ich wette, dass sie in ihrem Leben nicht einen einzigen Ratgeber gelesen hat, geschweige denn einen Geburtsvorbereitungs- oder -nachbereitungskurs besucht hat. Sie hat kein einziges Kind verloren. Alle waren gesund. Trotz Krieg. Trotz widriger Umstände. Daran muss ich oft denken, wenn ich im Pekip-Kurs sitze und wir ausführlich über Pre-Nahrung, Bio-Brei oder Schlafrituale reden. Oder auch, wenn ich wieder so Sachen wie „Schorf auf der Kopfhaut“ oder „Wann mit Beikost starten?“ bei Google eingebe. Oma hatte kein Internet. Sie hatte keinen Ratgeber mit dem Titel „Oje, ich wachse!“. Sie hatte sicherlich auch andere Probleme.

Nichts gegen diese Bücher. Wenn sie helfen und Orientierung bieten – toll. Dennoch glaube ich, dass Ratgeber auch oft gerade Erst-Muddis ordentlich verwirren. Da hat ein Autor einen bestimmten Ansatz, eine Theorie oder eine bahnbrechende Methode das Kind zum Schlafen oder Essen zu bringen und ein anderer Experte rät genau das Gegenteil. Viele Ratgeber, viele Meinungen. Ähnlich ist es mit dem Internet. Foren verwirren. Viele Meinungen verwirren. Und: sie trüben oftmals die Intuition. Manchmal glaube ich, dass wir vielleicht sogar ein wenig verlernt haben, auf unser Bauchgefühl zu hören, weil wir mit Infos und Meinungen zugespamt werden. Haben wir etwa verlernt, unseren mütterlichen Instinkten zu folgen?

Klar, ist der Austausch mit anderen Müttern wichtig und natürlich ist man wissbegierig. Das ist ganz normal. Familie und Freunde geben Tipps und Ratschläge. Dennoch bin ich froh, dass ich nicht schon im Vorfeld wusste, was im ersten Jahr alles so passiert. Es ist passiert und dann habe ich mich damit beschäftigt. Klar, auch ich habe mich anfangs verwirren lassen von anderen Müttern oder Google-Suchergebnissen. Ich habe mir Bildergalerien von Baby-Stuhl angeguckt und tatsächlich mit dem Windelinhalt meiner Tochter verglichen, um zu sehen, ob die Farbe normal ist. Ich habe nach eingängier Forenecherche sogar Pups-Globuli gegen Koliken im Internet bestellt.

Irgendeine Mutter kennt immer irgendwen, dessen Baby dies und das hatte oder dieses oder jenes passiert ist. Erst-Muddis können anstrengend sein und sie können sich gegenseitig verrückt machen. Nachdem ich einmal panisch beim Kinderarzt saß, weil mehrere Frauen in einem Baby-Kurs der Meinung waren, dass der Bauch meines Kindes irgendwie komisch aussieht und weder ich und der Arzt etwas erkennen konnten, hatte ich die Schnauze voll. Ich dachte nur: Meine Oma hätte mich jetzt ausgelacht – zu Recht. Ich hab mir dann vorgenommen, weniger auf Andere zu hören und wieder mehr auf mein Bauchgefühl. Sonst wäre ich verrückt geworden. Und: Es fühlt sich gut an. Essen, Schlafen, Wachsen – das alles läuft schon irgendwie. Haben andere Mütter ja auch hingekriegt.

Außerdem ist man oft fast schon besessen davon, zu wissen, warum ein Baby gerade eben nicht schläft, schlecht isst, schreit oder quengelig ist. Allgemeine Erklärungsversuche lauten: Zahnen, Wachstumsschub, Verdauung, Schnupfen oder, wenn gar nichts zutrifft: es ist Vollmond.

Einen Grund für das Verhalten von unserer Tochter haben mein Mann und ich in solchen Phasen jetzt immer parat und neben den ganzen anderen Gründen und Vermutungen trifft es das doch am besten: SIE IST EBEN EIN BABY! PUNKT. Klar ist ein Kind quengelig, wenn ein Zahn kommt oder irgendwas anderes wehtut. Klar gibt es ganz viele neue Eindrücke und Fähigkeiten, die auf das Kind einprasseln. Klar gibt es Schübe. Aber alle wollen immer Erklärungen. Wieso? Weshalb? Warum? Die Babyforen sind voll davon. Dabei ist es doch (abgesehen natürlich von Krankheitssymptomen) ganz einfach. ES IST EIN BABY! Das muss man nicht immer verstehen. Und: Öfter mal auf das Bauchgefühl hören.

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2 Kommentare zu „Bauchgefühl vs. Google?

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