Das Grauen hat einen Namen!

Wie sehr viele Eltern, die sich vor der Geburt des ersten Kindes so viel vornehmen und dann eines Besseren belehrt werden, waren mein Mann und ich große Befürworter von Holzspielzeug. Holz – ein Produkt der Natur. Rein. Vollkommen. Schon unsere Vorfahren spielten mit Holz (gab ja auch nix anderes) und sie waren so glücklich damit.

Vor unserem inneren Auge sahen wir unsere Tochter schon selig mit Holzklötzen (natürlich mit FSC-Siegel und Made in Germany) Türmchen bauen – ganz im Einklang mit der Natur. Sie würde einen Gänseblümchenkranz im Haar tragen und Bienchen – ja, echte Honigbienchen – würden draußen am Fenster vorbeischwirren. Unsere Tochter würde vor lauter Verzückung kurz ihr Holzspielzeug zur Seite legen und grinsend „Ui“ rufen, ehe sie sich wieder ihren biologisch abbaubaren Klötzchen zuwenden würde. Diese Szene spielte sich fast lautlos immer und immer wieder ab.

Doch die Realität sieht anders aus. Die Realität ist bunt, made in China, besteht aus Plastik und ist vor allem eines: laut! Während die Holzklötzchen ein tristes Dasein neben den Wollmäusen in der Ecke fristen, tanzt das Plastikspielzeug Samba – mit unserer Tochter. Fisher Price, Chicco und Vtech sei Dank! Die penetranteste Plastiknervensäge, die unsere Tochter bei einer Freundin lieben gelernt hat und die sie dann (wir wissen jetzt auch warum!) mit nach Hause nehmen durfte, ist ein pinker Laufwagen mit blinkenden Knöpfen, Rädchen und Tasten. Die Entwickler dieser Baby süchtig machenden Höllenmaschine müssen auf einem LSD-Trip gewesen sein und die Frau, die dem Ding ihre Stimme geliehen hat, war sicherlich betrunken. Denn zum einen ist bei den wirren Tönen, Lichtern und Geräuschen keinerlei Konzept erkennbar und andererseits sind die Lieder so dermaßen schief eingesungen, dass man eine Gänsehaut bekommt. Abwechselnd tönen Lieder, gruseliges Kinderlachen, eine Zirkusmelodie oder das Aufsagen von Buchstaben aus dem Ding. Dann wieder ruft die schräge Frauenstimme: „Lass uns Bello-Sagt spielen“, „Lass uns zur Musik wippen“und zwei Sekunden später jault sie: „Rock ’n‘ Roll“ oder „Jazz-Musik“, wobei der blechernde Sound keine dieser Musikrichtungen wirklich repräsentiert. Dazu blinken wahllos Tasten, auf denen ein Elefant, ein Delfin, ein Ball, ein Apfel (wtf?!) und ein Clown, der meine schlimmsten Erinnerungen an Pennywise lebendig werden lässt, abgebildet sind. Das pinke Ungetüm hat zudem ein Eigenleben. Manchmal fängt es plötzlich einfach so an, die wirren Melodien in Endlos-Schleife zu spielen. Wobei einem das Herz in die Hose rutscht, wenn plötzlich aus dem dunklen Kinderzimmer Billig-Horror-Film-Kinderlachen gefolgt von einem energischen „Rock ’n‘ Roll“ zu hören ist.

Letztens, nachdem unsere Tochter dem Ruf des Laufwagens gefolgt ist und um 4.30 Uhr im Kinderzimmer Rock ’n‘ Roll machen wollte, war ich in der Plastikspielzeughölle gefangen und zu fertig, um mich zu wehren. Denn unsere Kleine wollte nicht mehr schlafen und war im Spielmodus. So saß ich da, um mich herum muhte eine Kuh aus einem Buch, der Fisher Price Computer (auch das war ein Geschenk) forderte zum Englisch lernen auf mit einem schwungvollen „Hello, das heißt Hallo. Auf Wiedersehen: Goodbye!“, aus dem Laufwagen tönten vermeintliche Karibik-Klänge und aus dem Chicco Würfel waren quakende Frösche gefolgt von Klassikmusik zu hören. Als mein Mann von seiner Nachtschicht reinkam, sagte er nur: „So stelle ich mir die Hölle vor!“ Unsere Tochter klatschte derweil vergnügt in die Hände, wippte aufgeregt zur Musik und strahlte übers ganze Gesicht.

Aus Angst vor Spätfolgen und ADHS versuche ich seither allerdings, die Nervsachen nicht alle in einem Raum aufzubewahren und auch mal wegzulegen. Mit den unmittelbaren Folgen habe ich als Muddi aber schon zu kämpfen. Etwa wenn ich im Supermarkt stehe und plötzlich das ABC summe oder dieses Kinderlachen nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Und manchmal liege ich nachts wach und frage mich, was dieser blöde Apfel auf der blinkenden Taste eigentlich zu bedeuten hat.

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7 Kommentare zu „Das Grauen hat einen Namen!

  1. Hahaha, ich lache mich schlapp. Eine Freundin von mir hat konsequent all diese Zeug von ihrem Sohn ferngehalten – kein Spielzeug mit Batterie, war ihre Devise. Jetzt erwischt es sie im Kindergarten mit voller Wucht, denn die 6jährigen kennen Ninjas und Spiderman und ihr Sohn musste diese ganze Welt sich neu erlernen. Das Grauen kommt immer. Früher oder später.

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    1. Es ist ja fast unmöglich, sein Kind von so etwas fern zu halten. Bei anderen Babys daheim blinkt und piepst es ja auch😄 Außerdem macht es ihr Spaß…außerdem hat Plastik ja auch Vorteile…lässt sich leicht abwischen und da kann nix splittern. Das hatten wir nämlich jetzt bei einem Holzpuzzle….

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  2. Ich habe mir als Kind auch die bunten, blinkenden, singenden Dinger gewünscht … und habe bunte, nicht-blinkende, nicht-singende Dinger bekommen. Und war auch zufrieden. Alle Kinder hatten einen Gameboy, ich durfte keinen haben – und habe ihn dann nicht wirklich vermisst. Bei Geschenken wurden eben die Batterien entfernt. Bunt, blinkend und Sound gab es dann bei anderen Kindern, aber eben nicht zu Hause. Ist das heute soviel schwieriger geworden? Noch habe ich ein paar Jährchen Zeit, bis ich mich damit auseinandersetzen muss …

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    1. Ein bisschen schwieriger wird es schon werden, Kinder von solchen Dingen fern zu halten. Eine Zeit lang kann man das vielleicht auch schaffen. Bei uns hat sich nur herausgestellt, dass unsere Sorge im Vorfeld unberechtigt war. Wir sehen es einfach entspannter. Was ist daran so schlimm? So lange unser Kind auch noch ihren Teddy knuffelt, in Büchern blättert und mit der Holzlaufbahn spielt, haben wir einfach kein Problem damit, dass sie eben auch Nervspielzeug hat. Manchmal wird es dann zu viel und dann muss man dosieren. Wir hatten bei einem Holzspielzeug Probleme mit kleinen Splittern. Das find ich dann gar nicht witzig. Wie das später mit Smartphones etc. aussieht, wird dann nochmal ein ganz anderes Thema. Das ist Gott sei Dank noch ein bisschen hin…den guten alten Gameboy wird unsere Tochter wohl mal im Museum bestaunen dürfen…

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