Corona-Alltag: Das große Danach

Vor exakt drei Monaten habe ich in unserer Kita angerufen, um Bescheid zu sagen, dass die Große erkältet ist, die Kinder beide daheim bleiben und ihr Geburtstagsfrühstück in der Gruppe leider ausfallen muss. Unser Erzieher sagte mir damals nur: Ihr solltet vielleicht noch eure Sachen aus der Garderobe abholen, denn ich denke, dass ab Montag die Kitas geschlossen werden und sobald auch nicht wieder aufmachen. Und so war es. Lockdown. Shutdown. Wie auch immer. Hätte mir damals jemand gesagt, wie lange die Kita-Schließung dauert, wäre ich wahrscheinlich direkt in Tränen ausgebrochen. Aber wem erzähle ich das. Millionen Eltern auf dieser Welt kennen das Gefühl.

Was für eine merkwürdige Zeit liegt hinter uns. Am Anfang fühlte es sich an, wie in einem schlechten Film. Für die meisten Eltern entwickelte sich der Plot aber schnell zum Horrorfilm: Die Angst vor dem Virus wich schnell dem Gefühl der Ohnmacht. Wie kriege wir das als Familie nur hin? Arbeiten ohne Kinderbetreuung. Ohne die Hilfe der Großeltern oder Nachbarn.

Isolationshaft im Homeoffice

Da mein Mann und ich in der Nachrichtenbranche tätig sind, stand nun auch eher mehr als weniger Arbeit an. Da wir beide fast Vollzeit arbeiten, kamen harte Wochen auf uns zu. Acht um genau zu sein. Acht Wochen lang haben wir im Wechsel oder teilweise gleichzeitig im Homeoffice mit 30-40 Stunden gearbeitet, während unsere beiden Kinder (2 & 6) daheim waren. Und da wir uns auch acht Wochen lang super strikt an alle Regeln gehalten haben, waren die Kinder tatsächlich immer bei uns. Keine Verabredungen, keine Großeltern, keine anderen Kinder. Isolationshaft im Homeoffice der Eltern, nenne ich es liebevoll.

Und das sah dann ungefähr so aus: „Ich hab in 5 Minuten eine Videokonferenz mit der Geschäftsführung kannst du bitte die Kinder beschäftigen in der Zeit?“. Er: „Ich muss drei Aufsager für die nächste Nachrichtensendung produzieren. Ich kann nicht!“ Leben am Limit. Das Ergebnis: Kinder, die den ganzen Tag von einem Raum in den nächsten geschickt werden. „Später. Gleich. Jetzt nicht!“ Das waren wohl die Wörter, die sie am häufigsten gehört haben in dieser Zeit. Nicht schön. Für niemanden.

Schreie im Podcast

So kommt es dann zu schreienden Kindern, die mit Fäusten gegen die Balkontür hämmern, während Mama sich auf den Balkon ausgesperrt hat, um kurz mit der Personalchefin zu telefonieren. Aus diesem Grund zieren auch die Schreie unserer jüngsten Tochter den Abspann eines Podcasts, den mein Mann auf dem Flur produzieren musste, weil er irgendwie eine gute Akustik und die Flucht vor den Kindern vereinbaren musste. Dazwischen gab es gefühlt eine Million Nervenzusammenbrüche, Fluchereien und Heulkrämpfe – und ich rede dabei nicht nur von den Kindern. Das macht mich alles nicht stolz. Nach diesen acht extrem harten Wochen hatten wir erst einmal Urlaub und mit dem Rückgang der Infektionszahlen haben wir ab Woche zehn die Notbetreuung in Anspruch genommen. Länger hätte ich es so auch nicht mehr ausgehalten.

Dennoch bin ich stolz auf uns. Auf unsere Familie. Wir haben es hingekriegt unter wirklich ätzenden Bedingungen. Denn zwischen all dem Drama haben wir natürlich auch schöne Momente erlebt. Ein regnerischer Morgen im Wald zum Beispiel, der dadurch gekrönt wurde, dass ich auf dem Weg nach Hause beim Sprung in den Supermarkt tatsächlich die letzte Packung Klopapier bekommen habe. Wir saßen alle vier im Auto und es regnete wie aus Eimern und als ich die Klopapierrollen wie eine Trophäe in die Luft gestreckt habe, waren wir alle euphorisiert, haben gelacht und geklatscht. Sogar die Zweijährige. Wegen Klopapier. Wer hätte das jemals vermutet. Oder die Radtouren zur Kita am Abend. Unser kleines Corona-Ritual: Einmal gucken und der Kita „Hallo“ sagen. Hinzu kommen viele Stunden im Garten. Unsere kleine Enklave. Nur wir. Und das „nur wir“ ist auch tatsächlich die größte Erkenntnis, die ich aus dieser bisherigen Zeit ziehe: Was wirklich zählt ist die Familie. Die Kinder. Vermisst habe ich allerdings die Umarmungen mit den Großeltern. Den Besuch der Geschwister und Tanten, Onkels, Neffen und Nichten der Kinder. Freunde. Shopping komischerweise gar nicht und volle Straßen und Innenstädte auch nicht.

Corona-Steinzeit

Das Rollenbild in unserer Familie wurde übrigens durch Corona nicht in die Steinzeit katapultiert. Wir haben uns alles 50/50 aufgeteilt und möglicht gemacht haben das auch unsere Arbeitgeber. Die ich an dieser Stelle wirklich mal loben muss. Mein Mann durfte seine Radiobeträge im Homeoffice produzieren, damit ich ins Büro fahren oder eben wie die meiste Zeit auch im Homeoffice arbeiten konnte. Geklappt hat das ja nicht immer so gut. Schließlich sind da ja noch die Kinder gewesen. Aber von uns Eltern hat niemand den kürzeren gezogen oder musste sich alleine kümmern. Das sieht ja leider in vielen Familien und Unternehmen anders aus.

Was bleibt ist aber auch Unmut. Über die Politik im Umgang mit Eltern und Familien. Über die fehlende Unterstützung – auch durch Kitas, die wenig informieren. Aber auch Wut über die mangelnde Perspektive, wie es weiter geht. Unsere älteste Tochter kommt im Sommer in die Schule. Wir wissen noch nichts dazu. Und eines was am allermeisten wütend macht: Dass Kinder offensichtlich keine Lobby haben. Shopping, Fußball, Friseurtermine, Restaurantbesuche – das alles hatte Vorrang.

Maskenpflicht im Kaufladen

Meine bisherige Corona-Bilanz ist somit sehr durchmischt. Und man muss dazu sagen: Es ist ja noch nicht vorbei. Wie wird das Leben danach also sein? Gibt es überhaupt ein Danach? Oder wird Corona einfach ein Teil unseres Lebens werden. Als Familie sind wir gewachsen. Als berufstätige Mutter bin ich erschöpft. Mein Mann als berufstätiger Vater übrigens auch. Jetzt kommen noch 7 Wochen Sommerferien bis zur Einschulung auf uns zu. Ohne Großeltern? Wir wissen es nicht. Wie so vieles. Man lebt wieder in kürzeren Zeitspannen. Wir planen nur noch wochenweise. Schauen von Tag zu Tag wie es läuft. Für die Kinder ist Corona schon längst Alltag: In den Kaufladen bin ich gestern nicht rein gekommen. Der Grund: Ich hatte keine Maske auf.