„In Wahrheit will er ganz normal sein“ – Interview mit der Mutter eines Asperger-Kindes

Erst kürzlich outete sie sich als „Arschlochmutter„: Die Bloggerin von Muttis Nähkästchen ist für offene Worte. Denn als Mutter eines Asperger-Kindes, hat sie mit vielen Vorurteilen und Problemen zu kämpfen. Sie will aber nicht länger als Mutter eines vermeintlichen Arschlochkindes abgestempelt werden. Und sie möchte, dass die Welt da draußen weiß, dass nicht alle Kinder, die sich auffällig verhalten, dies tun, weil sie unfähige Eltern haben. Über das Leben mit einem Asperger-Kind und viele andere Themen schreibt sie seit Jahre erfolgreich auf ihrem Blog. Da sie mit ihrem Text auch auf meinen Artikel zum Thema „Arschlochkinder“ reagiert hat und ich sofort von ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit begeistert war, musste ich unbedingt ein Interview zum Thema mit der Frau hinter Muttis Nähkästchen führen und ich habe nun eine komplett andere Perspektive kennen gelernt.

Hier das Interview:

Erzähl kurz was über dich:
Ich bin 39 Jahre alt, Mutter von zwei Jungs (werden in Kürze 7 und 10 Jahre alt). Seit fast 10 Jahren bin ich als Mutter im permanenten Lernprozess, ich wachse mit meinen Kindern. Ich schaue in zwei kleine Spiegel und erkenne auch viel von mir selbst darin. Seit über 6 Jahren begleite ich diesen Wachstumsprozess auch mit meinem Blog.

Wann und woran hast du gemerkt, dass dein Sohn anders ist?
Schon sehr früh. Allerdings war es anfangs eher praktisch: Wenn andere Mütter z.B. ihren krabbelnden Kindern im Freibad ständig hinterher laufen mussten, verließ mein Kind nie die „heimische Decke“. Außerdem konnte er sehr früh perfekt sprechen und kannte mit 1,5 Jahren alle Buchstaben und Automarken. Er ist mein erstes Kind – da hatte ich kaum Vergleichsmöglichkeiten.

Wie lange hat es gedauert, bis du wirklich sicher warst, dass es nicht nur ein vorübergehendes Verhalten ist?
Hm, keine Ahnung. Im Kindergargten hieß es immer: Gib ihm Zeit, das wächst sich aus. Tat es aber nicht … Er eckte in jeder Gruppensituation an: verweigerte viel und fiel durch seltsames, störendes Gehabe auf. Auf ihn einreden nutzte nix – eher im Gegenteil. Dabei ist er doch so blitzgescheit … Der Hilferuf der Schule kam beim ersten Elternsprechtag. Von da an begann die gemeinsame Suche. Erst wurde er auf Hochbegabung getestet. Aber alle Bemühungen in diese Richtung (Enrichment, schwierigere Aufgaben etc.) liefen ins Leere.

Wann kam die Diagnose?
Spät. Erst mit fast 9 Jahren. Wir waren lange auf der Suche, haben nie verstanden warum sich unser Kind so verhält. Viele Selbstzweifel waren da mit dabei: Warum? Warum? Was haben wir bloß falsch gemacht? Mehr durch Zufall sind wir bei der richtigen Diagnose gelandet. Die späte Diagnose ist typisch für Asperger-Kinder, weil sie meist durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent sind und daher viel durch ihre Intelligenz „überspielen“ können.

Wie habt ihr das Thema in der Familie kommuniziert/wie geht ihr als Familie damit um?
Es war eine wahre Erleichterung. Ich hab mir sofort alle möglichen Bücher zum Thema gekrallt und überall fand ich mein Kind perfekt beschrieben. Zum ersten Mal konnte ich ihn verstehen. Zum ersten Mal konnte ich ihn ohne Einschränkung so akzeptieren wie er eben ist. Und das ist ein wichtiger Schritt, der uns viel näher gebracht hat und auch alle weiteren Schritte erst möglich gemacht hat.

Wie nimmt dein Sohn das wahr?
Mein Sohn blockt das Thema ab. Er will davon gar nix wissen. In Wahrheit will er ja ganz normal sein. Aber er braucht Hilfe dabei.

Was muss man im Alltag mit einem Asperger-Kind beachten?
Klarheit – sehr viel Klarheit. Strukturen. Und Berechenbarkeit. Bloß keine Überraschungen. Und immer wieder müssen wie ihm erklären, warum er zur Schule gehen und dort auch mitmachen muss.

Welche Behandlungsmethoden gibt es?
Wir machen mit ihm Einzel- und Gruppentherapie mit speziell ausgebildeten Psychologinnen. Organisiert wurde das über eine Eltern-Selbsthilfegruppe, denn sonst gibt es fast nichts. Bezahlen müssen zu 100 Prozent die Eltern … obwohl es sich um international erprobte und anerkannte Methoden handelt, bleibt alles an den Eltern hängen. Außerdem haben wir erstaunliche Erfolge mit Homoöpathie gemacht. Es war einer dieser Grashalme, nach denen man in höchster Not und in der tiefsten Krise greift. Und die Wirkung war MIND-BLOWING! Ich weiß, das glaubt uns kaum wer … aber es war so.

Bedeutet die Diagnose große Einschränkungen für dein Kind?
Nein, ganz im Gegenteil. Durch die Diagnose hatte auch die Schule bessere Handhabe, ihm Nachteilsausgleiche und Nachsicht zu gewähren. Auch die Schule hat sich Hilfe geholt – und wirklich gute Beratung bekommen. Wir alle haben uns Hilfe geholt – und bekommen. Aber man muss sich darum bemühen, vieles selbst organisieren, dann geht’s.

Habt ihr Angst vor der Zukunft?
Ja und nein. Die nächste Herausforderung ist, eine weiterführende Schule zu finden, die ihn wohlwollend so nimmt, wie er eben ist. Ansonsten hat er eine sehr gute Prognose, weil er ja überdurchschnittlich intelligent ist.

Ich habe den gesamten Prozess auf meinem Blog begleitet – vielleicht hilft es den einen oder anderen, damit sie nicht so lange auf die richtige Diagnose warten müssen wie wir. Unter dem Tag http://muttis-blog.net/tag/asperger/ sind sämtliche Beiträge dazu zu finden, z.B.:

Woran man ein Kind mit Asperger-Syndrom erkennt

Ein Asperger-Kind erziehen und begleiten

Krisenbewältigung in der Schule – Ein Erfahrungsbericht

Hilfreiche Bücher für Asperger-Eltern

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7 Kommentare zu „„In Wahrheit will er ganz normal sein“ – Interview mit der Mutter eines Asperger-Kindes

  1. Sehr sehr interessant. Ich beschäftige mich auch gerade mit dem Thema und finde den Blog Muttis Nähkästchen sehr hilfreich. Ich denke auch, dass viel mehr hinter „Arschlochverhalten“ von Kindern stecken kann, als man auf den ersten Blick sieht. Aufklärung tut not und Verständnis ist angebracht. Da ich selber ja zwei komplett verschiedene Kinder habe, bin ich auch der Überzeugung, dass das Verhalten von Kindern aus normalen Milieus nicht (nur) von der Erziehung geprägt wird. Vieles ist tatsächlich schon angelegt, ob man es will oder nicht. Ich habe das Glück, dass meine Kinder in der äußeren Welt sehr ruhig und angepasst sind (zuhause leider nicht;)). Das ist aber nicht mein Verdienst. Ich stelle mir den Erklärungsfindungsprozess in Familien wie oben sehr langwierig und schmerzhaft vor.
    Danke für die Vorstellung!
    Liebe Grüße!

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  2. Danke für das große Interesse! Wir sind gerade alle vier bei einem speziellen Autismus-Sommercamp. Herrlich! Hier sind alle Kinder sehr ähnlich, niemand schaut uns schief an. Außerdem gibt’s jede Menge Austausch unter den Eltern und täglich ein „Elterntraining“ mit spezialisierten Pädagog_innen und Psychologie_innen.
    Gestern haben wir z.B. gemeinsam die positiven Seiten des Autismus herausgearbeitet. Tut gut!

    Gefällt 2 Personen

  3. Danke für den Beitrag ….
    Mein 10 jähriger Aspi wurde auchverst recht spät diagnostiziert.

    Schön von anderen zu lesen. Das tut gut.

    Meiner findet sich allerdings gut mit der Diagnose ab. Er redet mit allen drüber und für ihn war es von Anfang an gar kein Problem – er will gar nicht „so normal wie die anderen sein“ – wie er so schön sagt.

    Die nächste größer Herausforderung seh ich persönlich in der Pupertät, die bei uns schon langsam los geht. Aber auch das werden wir meistern 🙂

    Der Schulwechsel hat im übrigen bei uns absolut problemlos geklappt.
    Aufs Gymnasium durfte er leider nicht gehn, auch wenn es von den Zensuren her unproblematisch gewesen wäre. Das konnte er anfangs nucht verstehen, warum man ihm das verwehrt. Mittlerweile hat er dich damit abgefunden erst nach der 6 bzw. 10 Klasse aufs Gym zu gehen.

    Euch wünschen wir von Herzen allrs gute für die Zukunft!

    Gefällt 1 Person

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