Warum heulen besser ist als ignorieren!

Seitdem ich Mutter bin, kann ich traurige Geschichten und schlimme Nachrichten noch viel weniger ertragen als vorher. Ich habe es früher immer für ein Gerücht gehalten, dass man nach der Geburt emotionaler wird, aber es stimmt. In der Anfangszeit als die Kleine noch ein winziges Baby war, hab Geschichten über kranke, misshandelte oder getötete Kinder gar nicht hören können. Ein Familiendrama? Ich konnte den Artikel nicht lesen. Ein verschwundenes Kind? Ich habe den Fernseher ausgeschaltet und mich regelmäßig mit meiner Mutter in die Haare bekommen, wenn sie mir wieder detailliert von schlimmen Kinderschicksalen erzählt hat. Ich hatte deswegen auch schon einen Heulkrampf im Chinarestaurant. Ja, das war unangenehm – für alle Beteiligten (Hormone und so). Obwohl ich Journalistin bin und für eine lange Zeit Nachrichten mein Tagesgeschäft waren, hab ich alles Schlechte in den ersten Babymonaten meiner Tochter einfach ausgeblendet. Es ging irgendwie nicht. Ich wollte schon wissen, was in der Welt passiert, aber keine Details. Früher fand ich solche Leute immer ziemlich ignorant. Jetzt verstehe ich, warum man manchmal eine Pause braucht. Ich denke, das ist o.k, wenn es eben nur eine Phase ist.

Diese Phase ist nun vorbei, auch, wenn beim Lesen der Zeitung oder Fernsehgucken immer noch regelmäßig die Tränen fließen. Das ist dann eben so. Man verändert sich. Wird emotionaler, wenn man Kinder hat. Aber eines mach ich jetzt nicht mehr: die Augen verschließen. Die aktuelle Situation in den Bürgerkriegsregionen dieser Welt, der Terror des IS und das Leid der Flüchtlinge – es macht mich fertig, aber ignorieren, das geht nicht. Letztens habe ich einen Artikel in der New York Times über den IS und die systematische Vergewaltigung und Versklavung von jesidischen Mädchen und Frauen gelesen (hier). Das war der schlimmste Text, den ich je gelesen habe. Der Artikel hat mich mehrere Tage beschäftigt und verfolgt. Ich war fix und fertig. Doch es war gut, ihn zu lesen. Denn es hat mich nur noch mehr darin bestärkt, dass wir Flüchtlingen helfen müssen, weil viele von ihnen ein unvorstellbares Leid erlebt haben. So schlimmes Leid, dass man nicht mal den Gedanken daran ertragen kann. So schlimmes Leid, dass man schreien möchte. So schlimmes Leid, dass man seine kleine Tochter in den Arm nimmt, feste drückt und dankbar ist, dass sie in diesem Land aufwachsen darf. In letzter Zeit mach ich das sehr häufig.

Umso wütender macht es mich dann, wenn man so gedankenlose Kommentare von Mitbürgern hört*. In der Lokalzeit im WDR ging es in einem Beitrag letztens um eine handvoll Anwohner einer Bauerschaft im Münsterland, die gegen den Lärm einer benachbarten Schießanlage vorgehen. Mit Plakaten und Transparenten. Das ist sicherlich ihr gutes Recht. Im Interview sagte dazu ein erboster Anwohner, dass die Situation wie im Krieg sei. Ein anderer Mann fügte hinzu: Dieser Lärm ist Folter!

WHAT?! Krieg? Folter? Ja, ne ist klar. So eine kleine bürokratische Nachbarschaftsstreitigkeit im beschaulichen Münsterland ist sicherlich mit Krieg und Folter zu vergleichen.

Ich habe keine Ahnung von Krieg und Folter. Dafür bin ich dankbar! Ich kann mich aber informieren, Aufmerksam machen und helfen. Das mindeste ist aber, die Augen nicht davor zu verschließen. Dann heult man eben. So what! Und in der Zwischenzeit umarme ich meine kleine Tochter ein paar mal häufiger ganz fest und gebe ihr ein extra Küsschen.

Wer Lust hat, sich zu engagieren, kann das – auch als Nicht-Blogger – ganz leicht bei der tollen Aktion #bloggerfürflüchtlinge tun. Mit zwei Klicks kann man spenden und/oder mit Texten, die Aktion weiter verbreiten.

*auf ‚besorgte Bürger‘ gehe ich hier bewusst nicht ein, weil ich solchen Deppen keinen Raum geben möchte.

Schnullerschnuten statt Saufbilder: Gastvaddi will seine Freunde zurück!

Heute gibt es eine Premiere bei Muddi: Ich habe einen Gastautoren am Start. Warum? Weil ich eine andere Perspektive – in diesem Falle eine männliche – spannend finde. Bei dem Gastvaddi handelt es sich um einen Freund und Ex-Redakteurs-Kollegen. Er ist Journalist, Vater einer Tochter und bekennender Serienfreak. Es gibt somit einige Parallelen, auch weil seine Tochter nur ein paar Wochen älter ist, als meine. Somit: Viel Spaß beim Fremdlesen!

Neulich im Gespräch mit einer Freundin. Sie: „Manchmal hab ich das Gefühl, nur noch mit Säuglingen und Kleinkindern befreundet zu sein.“ Ich: „Hä? Wieso das denn?“ „Guck mal bei whatsapp. Alle Muddis haben in ihrem Profilbild ein Foto von ihrem Kind.“ Kurzer Check meiner Kontaktliste. Dann: „Okay, könntest recht haben. Sieht bei mir nicht anders aus.“

Keine sich am Strand räkelnden Bikinikörper mehr, keine Strahlegesichter über Sektflöten und auch keine Silhouetten vor karibischen Sonnenuntergängen. Dafür erste Zähne, kahle Schädel und Kulleraugen über Schnullerschnuten.

Und was haben wir dann gemacht aus unserer bahnbrechenden Beobachtung? Haben wir über den grundsätzlichen Umgang von whatsapp mit Nutzerdaten philosophiert? Nö. Wir haben auch nicht dieser ermüdenden Diskussion über Kinderfotos im Netz ein neues gähnend langweiliges Kapitel hinzugefügt. Vielmehr ging es meiner Bekannten darum, deutlich zu machen, wie sehr sie das Nachwuchsgeposte nervt: Denken die nur noch an ihre Kinder, kein eigenes Leben mehr, total fixiert auf ihre Rolle als Muttertier… Während sie sich in Rage redete, checkte ich die Vaddies in meiner Freundesliste. Gab auch n paar Kinderzeiger. Aber deutlich weniger als bei den Ladies. Außerdem waren die Damen aktualisierungsfreudiger.

Sämtliche Bilder, die ich anklickte, waren wahlweise total witzig/süß/schön und manche vor dem Veröffentlichen noch schnell durch den Weichzeichner gedrückt worden. Da überlassen fürsorgliche Eltern nichts dem Zufall. Soll ja nicht der falsche Eindruck entstehen, man habe ein völlig normales Kind in diese Welt gesetzt. Wie sagte doch ein Kumpel von mir: „Das eigene Kind ist immer das Süßeste.“ Trifft das nicht zu, kann es zumindest – instagram und Photoshop sei Dank – so rüberkommen. Die Handykamera ist ohnehin ständig im Anschlag, um das junge Leben lückenlos zu dokumentieren und unaufgefordert mit der ganzen Welt den engsten Freunden zu teilen.

Mag das auch alles seine Berechtigung haben und in zig Studien untersucht worden sein, wenn ich so durch meine Kontaktliste scrolle, ertappe ich mich doch immer wieder bei der Frage:
Warum machen Muddis das (so viel stärker als Väter)?
Und wenn es beispielsweise Liebe und/oder Stolz sein sollte – lieben die Eltern, die keine Fotos posten, nicht genug?

Manchmal möchte ich all den Muddis und Vaddis zurufen: Ich mag eure Kinder (zumindest die meisten), finde sie wirklich süß und freue mich, sie gelegentlich sehen und in Action erleben zu dürfen. Aber mit den Kleinen bin ich (noch) nicht befreundet, und seitdem wir unsere Kinder haben, sehe ich euch alle ohnehin viel seltener als früher. Deshalb lasst mir doch wenigstens die Freude, euch selbst in euren Profilbildern bei whatsapp zu sehen.

P.S.: Vor einigen Tagen ist die Freundin (s.o.) zum ersten Mal Mutter geworden. Sechseinhalb Tage nach der Geburt ihres Sohnes zeigte ihr Profilbild bei whatsapp die Füße des Kleinen…

Nach dem Kind ist vor dem Kind? Ein Plädoyer für Einzelkinder!

Fünf mal wurde ich in der vergangenen Woche gefragt, ob ich noch ein zweites Kind haben will bzw. wann ich mein zweites Kind bekomme. Das ist Rekord. Normalerweise höre ich diese Frage ein bis zwei Mal im Monat. Es stört mich ja nicht, mit guten Freunden über Kinderwunsch und Familienplanung zu reden. Aber es nervt mich, wenn mich alle möglichen Leute darauf ansprechen. Was mich aber noch mehr nervt ist, dass wenn ich mit „Ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt ein zweites Kind möchte!“ antworte, meist Entrüstung ernte. Eine Kollegin sagte letztens auf einer Party ganz empört: „Das kannst du doch nicht machen! Deine Tochter soll doch kein Einzelkind sein. Kinder brauchen doch Geschwister!“ Ein Versicherungsvertreter, sagte ein paar Tage später sogar: „Sie sollten am besten jetzt direkt nachlegen. Kein Mensch will ein Einzelkind und dann ist das mit dem Altersabstand nicht so doof!“ Ich danke diesen Menschen für ihren Input. Aber eigentlich möchte ich von relativ fremden Leuten keine Meinung zu meiner Familienplanung hören.

Außerdem möchte ich an dieser Stelle mal eine Lanze für alle Einzelkinder da draußen brechen! WIR HABEN EUCH LIEB! Warum nimmt man immer an, dass Kinder bessere Menschen werden, wenn sie Geschwister haben. Einzelkinder haben einen miesen Ruf. Sie seien egoistisch und hätten Defizite im Sozialverhalten heißt es dann immer. Ich kenne Einzelkinder in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Das sind alles recht normale Leute. Andersherum kenne ich aber sehr viele Menschen, die Ärger mit ihren Geschwistern haben. Zerstritten sind, ums Erbe streiten oder einfach keinen Draht zueinander haben.

Und dann diese Diskussionen um den richtigen Altersabstand zwischen Geschwistern. Letztendlich ist es egal. Geschwister, die nur zwei Jahre auseinander sind, haben manchmal gar keinen Bock miteinander zu spielen. Man kann so etwas eben nicht planen. Jedes Kind ist anders. Jeder Mensch ist anders. Ich liebe meine Schwestern und bin froh, sie zu haben. Sie sind sieben und neun Jahre älter als ich und das hat für mich nie einen Unterschied gemacht. Ich hatte immer große Schwestern, die für mich da waren oder mich eben geärgert haben. Es hätte aber auch sein können, dass wir uns total ätzend finden. Ich hatte eine allerbeste Freundin als Kind, die war im gleichen Alter, wohnte nebenan und sie war wie eine Schwester für mich. Wir haben alles zusammen gemacht und waren sogar gemeinsam im Urlaub. Sie war Einzelkind. Sie war jeden Tag bei uns. Manchmal macht es eben keinen Unterschied, ob Freundin, Cousine oder Schwester. Natürlich ist es schön zu wissen, dass jemand da ist und ich empfinde Geschwister als Bereicherung, dennoch glaube ich nicht, dass ich meinem Kind seelischen Schaden zufüge, wenn es Einzelkind bleibt. Es bekommt Liebe und wächst in einer großen Gemeinschaft aus Eltern, Großeltern, Tanten, Onkels, Freunden und ganz vielen Cousins und Cousinen auf – darauf kommt es an.

Außerdem möchte ich dann ein Kind bekommen, wenn wir als Familie dafür bereit sind und wenn ich es wirklich möchte. Nicht, weil man zwei Kinder haben muss. Wie oft höre ich den Satz: „Am besten kriegt man die zwei schnell hintereinander weg, dann hat man es hinter sich!“ Ich will Kinder gar nicht „schnell hinter mich bringen“. Entweder bekomme ich welche, weil ich das unbedingt will oder ich lasse es bleiben. Letztens hat eine Mutter aus dem Pekip-Kurs ihre erneute Schwangerschaft so verkündet: „Ich hab mir gedacht, ich will es jetzt schnell weg haben, dann hab ich in vier Jahren vielleicht wieder Zeit für mich!“ Das ist eine grauenhafte Aussage. Klar, schreiende Babys und schlaflose Nächte sind nichts, worauf man sich total freut, aber man muss ja keine Kinder kriegen. Niemand zwingt uns. Man muss auch keine zwei Kinder haben, weil man das eben so macht. Wenn ich ein zweites Kind bekomme, dann, weil mein Mann und ich es wirklich wollen. Beide. Ich muss das von innen heraus fühlen und nicht, weil ich auf den perfekten Altersunterschied hin arbeite oder weil ich es muss. Vielleicht kommt dieses Gefühl nächste Woche, vielleicht nie, aber dann ist das so. Dann kann es ja auch immer noch sein, dass es gar nicht klappt. In der Zwischenzeit mache ich mir einen Spaß daraus und „schocke“ Leute mit der Aussage, dass ich schon immer ein Einzelkind haben wollte.

Was ich von meiner Tochter gelernt habe…

– Schlaf wird überbewertet
– Wir waren vorher echt ziemliche Pussys
– Wie leidensfähig man wirklich ist
– Pekip ist nicht so scheiße, wie ich dachte
– Spielplätze sind so scheiße, wie ich dachte
– Arzttermine um 8 Uhr morgens sind mit Baby der Horror
– eine Verabredung am Tag reicht
– Inkonsequenz ist ne Bitch
– Erziehung fängt leider sofort an
– Die Angst vor anderen Mütten ist meist unbegründet
– Das Babybecken ist an einem verregneten Sonntagmorgen immer voll
– Man sollte immer Wechselklamotten dabei haben
– Verlasse nie das Haus ohne Schnuller und/oder Dinkelstangen
– Ich bin viel stressresistenter als ich dachte
– Ich kann Geräusche ausblenden, die mich früher verrückt gemacht hätten
– Ich kann in Scheiße lesen, wie eine Fährtenleserin
– Fünf Stunden Schlaf am Stück sind der Hammer
– Never change a happy baby – never ever!
– Schlafendes Kind = glückliche Eltern
– einhändig kochen, spülen, anziehen, waschen…
– Slipwindeln sind bei ganz kleinen Kindern keine gute Idee
– Das Kind pinkelt immer, sobald es ohne Windel auf dem Schoß sitzt
– große Kieselsteine sind der perfekte Babysitter am Strand
– Wenn man ganz genau hinguckt, entdeckt man überall Federn
– Batikkleidung ist perfekt, um Flecken zu vertuschen
– Kinderschuhe sind arschteuer
– alles ist immer nur eine Phase
– lass dein Kind nicht mit Schampooflaschen spielen
– Penatencreme rules!
– Klostein ist nicht giftig und nicht ätzend
– ich hatte früher zu viel Freizeit
– ein Tag, der um 4.30 Uhr beginnt, ist unendlich lang
– ich hätte nie gedacht, dass man jemanden so dermaßen doll lieben kann

Kita-Eingewöhnung: Und jetzt heule ich doch…

Jetzt ist es doch passiert: Ich sitze auf dem Dachboden der Kita und kann mir ein paar heimliche Tränchen nicht verdrücken. Heute ist der dritte Tag der Eingewöhnung und unsere kleine Möhre macht sich so gut, dass wir es heute erstmals mit einer räumlichen Trennung gewagt haben. Deshalb sitze ich jetzt auf dem Dachboden. Mit einem kalten Kaffee und einer Flasche Wasser. Und Pipi in den Augen.

Warum kann ich gar nicht sagen. Alles läuft super. Gestern Abend noch hatte ich bei meinem Mann getönt, wie erstaunt ich über mich selbst bin, dass ich das Ganze emotional doch sehr gut wegstecke und es mich gar nicht stört, dass nun eine neue Phase in Minis Leben beginnt. Gestern noch hat mich die Erzieherin gelobt, dass ich außergewöhnlich gut damit klar kommen würde, mich zurückzuhalten. Sie sagte, die meisten Mütter könnten das nicht so gut. Ich könne stolz auf mich sein, dass ich meiner Tochter so leicht mache und unsere Bindung offensichtlich so stark sei. Ich war, ehrlich gesagt, erstaunt über mich selbst.

Jetzt höre ich ein zartes „Mama“ von unten und es zerreißt mich innerlich. Nicht direkt hinzurennen, fällt schwer. Gestern war ich noch so cool. Jetzt fühle ich mich nicht mehr so gut. Hormone? Es können nur irgendwelche Hormone sein. Vielleicht auch nicht. Vielleicht kann es auch noch so gut laufen – am Ende des Tages holen einen die Emotionen eben doch ein. Unser Baby ist ein Kita-Kind. Unsere Kleine wird groß. Und das Muttertier weint. Wahrscheinlich der normalste Vorgang auf der Welt. Die Erzieherin wartet bestimmt nur auf den Moment. Weil bestimmt jede Mutter während der Eingewöhnung mal an diesem Punkt ist.