Scream: Vom Schreien kalt erwischt

Es hat uns kalt erwischt. Ohne Vorwarnung. Ohne Vorbereitung. Einfach kalt erwischt. Schreien. Ein Thema, dass uns einfach so überrollt hat.

Ich war im Vorfeld keine große Baby-Ratgeber-Bücher-Leserin (gut, bin ich immer noch nicht) und vielleicht waren wir auch ein bisschen naiv. Doch in all den Erzählungen von der tollen kuscheligen ersten Zeit mit Baby kam das Thema „permanentes Schreien“ nicht vor. In den ersten Wochen schläft, trinkt und kuschelt ein Baby. Mehr nicht. Es schreit nur, wenn es Hunger oder die Windel voll hat. Sonst nicht. Zumindest wurde dieses Bild überliefert. Und dann hat man ein Kind, das schreit und schreit und schreit. Vor dem Stillen. Nach dem Stillen. Vor der frischen Windel. Nach der frischen Windel.

Bäm! Schock! Denn unsere Kleine fing bereits in der ersten Nacht daheim an zu schreien. Nicht nur ein bisschen. Nicht wegen Hunger. Sondern plötzlich, ausdauernd und in einer Lautstärke, die ich dem kleinen Würmchen nicht zugetraut hätte. Ja, unsere Tochter hat ein Organ.

Wir hatten von Drei-Monats-Koliken noch nicht viel gehört und von so genannten Schreikindern (ich verabscheue dieses Wort!) hatte ich keine Ahnung. Obwohl ich Mini nicht als solches bezeichnen würde. Dazu reichte laut Definition!? ihre Schreidauer nicht aus. Definitionen sind bei diesem Thema sowieso schwierig. An manchen Tagen hat sie immer, wenn sie wach war, geschrien. Manchmal nur abends. Dann wieder einen Tag nicht und dann wieder jeden Tag. Das passte nie so richtig in das Schema. Wir waren ratlos. Und genau hier setzt dann etwas ein, was wohl viele Neu-Eltern in dieser Situation erleben. Viele Experten sagen und raten viele Dinge zu dem Thema. Die Hebamme sprach direkt von Drei-Monats-Koliken. Der Arzt wiederum von Regulationsstörungen, da es Drei-Monats-Koliken eigentlich nicht gebe. Denn so richtig bewiesen sei die ganze Sache nicht. Allerdings müsse sich die Verdauung des Kindes erst einpendeln und viele Babys hätten anfangs damit zu kämpfen. Die Osteopathin sprach von Blockaden. Das Internet von Geburtstrauma und allen möglichen anderen Dingen.

Es wurden Öle, Zäpfchen, Kügelchen, Lefax, Fönapp, Haltetechniken sowie Schnick und Schnack empfohlen und ausprobiert. Massagen wurden angepriesen (schon mal eine Bauchmassage bei Bauchschmerzen bekommen? Hat man da Bock drauf? Unser Baby nicht!) und immer wieder auf den Fliegergriff oder das Pucken verwiesen. Hätte mir in der Zeit übrigens noch einmal jemand den Fliegergriff zur Linderung empfohlen, wäre ich aus dem Fenster gesprungen. „Ja, den kennen wir. Ja, machen wir. Nein, es hilft nicht immer! Nein, wirklich nicht! Jetzt echt nicht! NEIIIIN!“

Wir haben uns ziemlich verwirren und auch viel aufschwatzen lassen und im Nachhinein kann ich sagen: man muss da einfach durch. Denn so richtig nachweisbar geholfen, hat uns von dem ganzen Kram nicht viel. Klar meint man, dass das eine oder andere etwas Linderung verschafft hat, aber wir wissen es nicht und die Medizin anscheinend auch nicht. Denn einen medizinischen Befund gab es nicht und Medikamente dagegen somit auch nicht. Klar kann man Lefax und Co. geben, aber das will man auch nicht über Wochen und Monate. Außerdem weiß man auch hierbei nie so richtig, ob es hilft. Es ist schon erstaunlich, welche komplizierten medizinischen Eingriffe möglich sind und dennoch stellt das Schreien von Babys Ärzte, Hebammen und Eltern immer noch vor ein Rätsel.

Wir haben übrigens viel Geld für homöopathisch Mittel ausgegeben. Da wurde uns eine Menge empfohlen. Es gibt Globuli mit den tollsten Namen, die laut Internetforen Wunder wirken. Geholfen hat es in unserem Fall nicht. Es ist vielleicht eine Glaubenssache, obwohl wir wirklich für alles sehr offen waren. Letztendlich muss es jeder für sich entscheiden. Mittlerweile sind mein Mann und ich uns übrigens sicher, dass es Bauchschmerzen/Koliken waren. Sie hatte von Anfang an und auch später noch Probleme mit der Verdauung.

Was hat geholfen?* Wir waren einfach für sie da. Nähe. Geborgenheit. Haben sie gehalten und versucht sie zu beruhigen. Haben uns abgewechselt. Das war ganz wichtig und der beste Tipp der Hebamme. Mal alleine kurz rausgehen. Durchatmen. In Schichten trösten. Manchmal auch sich gegenseitig. Wir sind dabei an unsere Grenzen gekommen.

Das Schreien lässt den Adrenalinspiegel in die Höhe schnellen. Man verkrampft. Das Baby tut einem so Leid und gleichzeitig will man nur noch, dass es aufhört. Kein schönes Gefühl. Manchmal keimt Verzweifelung auf. Alltägliches wird zur Herausfordereung. Verabredungen mit anderen Muddis zum Kaffee werden zur Belastungsprobe, falls man hingeht. Alles wird schwierig.Und dann ist man ja auch noch angeschlagen von der Geburt. Kämpft mit dem Schlafmangel und den Hormonen und alles ist neu.

Drei Monate können eine lange Zeit werden. Aber tatsächlich wurde es nach acht Wochen schon besser und nach 12 Wochen war unser Baby wie ausgewechselt. Mit der Verdauung hatte sie noch eine Weile zu kämpfen, aber es ist immer besser geworden. Das war unser Strohhalm, dass es besser wird. Denn wir wussten, dass wir ein fröhliches kleines Mädchen haben und sie das auch sein würde. Und: sie ist es. Heute schreit sie nur noch selten. Wenn sie müde ist und nicht in den Schlaf kommt oder wenn sie krank ist.

* Diese Dinge haben unserer Meinung nach zwischendurch auch mal etwas Linderung verschafft: Kümmelzäpfchen, Herumtragen und durch die Wohnung laufen, Fön-App.

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3 Kommentare zu „Scream: Vom Schreien kalt erwischt

  1. Danke für Deinen Bericht und dass Du ihn bei mir verlinkt hast. Es ist unglaublich, wie viele solche Kinder es tatsächlich gibt, obwohl ein ganz anderes Babybild vermittelt wird. Es ist ein riesen Schock, dass das Leben mit einem Baby oft überhaupt nicht so ist wie vorgestellt. Schön, dass es bei euch so schnell besser wurde. Aber selbst 3 Monate können sich ziehen und an den Nerven zerren. Bei uns hat es wesentlich länger gedauert und nichts, gar nichts half. Ich bin übrigens überzeugt, dass bei meinem Sohn nicht Bauchschmerzen Schuld an der Schreierei waren, sondern er eines von vielen Babys mit Regulations-/Anpassungsstörungen war, wie Dein Kinderarzt richtig sagte. Die reine Bauchschmerzthese ist mittlerweile überholt. Das ganze Nervensystem von solchen Babys ist unreif, das betrifft natürlich auch den Magen-Darmtrakt, aber Auslöser sind andere Faktoren.
    Gut, dass das alles vorbei ist, und schön, dass euer Kind jetzt fröhlich und ausgeglichen ist. Das kann ich von meinem Sohn leider nicht behaupten. Er ist anstrengend und fordernd geblieben, aber wir kommen besser damit klar als früher.
    Liebe Grüße!

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    1. Ein schwieriges Thema…deswegen umso wichtiger, dass man sich auch öffentlich austauscht. Es hilft zwar nicht im akuten Fall, aber es beruhigt Eltern vielleicht ein wenig zu wissen, dass sie nicht alleine sind. Und: Jedes Kind ist anders und es gibt keine allgemeingültige Erklärung. Euch weiterhin alles Gute!!

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