Herzensangelegenheit: Wenn das eigene Baby plötzlich herzkrank ist…*Gastbeitrag*

In letzter Zeit muss ich immer häufiger an den Moment denken, der mit der schrecklichste in meinem Leben war. Und deshalb schreibe ich jetzt diesen Text.  Vielleicht hilft es auch anderen, wenn sie das hier lesen, weil unsere Geschichte gut ausgeht. Als unser Sohn Levi acht Wochen alt war, schickte uns die Kinderärztin zum Kardiologen. Es war der erste Besuch beim Kinderarzt überhaupt, alles war neu, aufregend, die Geburt noch so frisch. Sie hatte ein Herzgeräusch gehört. Zu 99 Prozent sei es nichts, beruhigte sie mich. Wir gehörten in diesem Fall leider nicht dazu.

Ich ging allein mit Levi zum Arzt. 99 Prozent sind ganz schön viel. Endlos lange wischte der Kardiologe mit seinem Ultraschallgerät auf dem winzigen Brustkorb herum. Meinem Sohn gefiel das gar nicht. Er weinte, ich konnte ihn nicht beruhigen, wurde zunehmend nervöser. Irgendwann stellte ich die entscheidende Frage: „Ist alles okay?“ Natürlich war es das nicht. Die Antwort klang metallisch und weit, weit weg. Es waberten nur noch zwei Wörter unkontrolliert durch meinen Kopf: Loch und Operation. Mein Mann kam, der Arzt erklärte uns alles. Aber die Wörter waberten immer noch. Ich bekam nichts mit. Das kleine schluchzende Wesen in meinem Arm hatte einen Herzfehler. Einen Ventrikel-Septum-Defekt, sprich, ein Loch zwischen den Herzkammern. Ein VSD ist einer der häufigsten angeborenen Herzfehler, das war die gute Nachricht. Mich beruhigte sie in diesem Moment nicht. Ich rief meine Mutter an, meine beste Freundin. Die wiederum informierten die anderen. Alle weinten. Bei dem Gedanken an die OP verkrampfte sich mein Herz, mein ganzer Körper.

„Ja, doof mit dem Herzfehler, aber hey, wir haben doch so ein Glück“

Vor der Geburt hätte ich einfach stundenlang geheult und wäre dann irgendwann erschöpft eingeschlafen. Das ging jetzt nicht. Es musste weitergehen, Levi durfte nicht merken, dass hier gerade ordentlich etwas schief lief. Er brauchte starke Eltern, einen ganz normalen Alltag.  Wenn das Baby kräftig genug ist, erfolgt so eine Operation nicht direkt nach der Diagnose, sondern etwa mit einem halben Jahr. Für die Chirurgen ist es einfacher, wenn das Herz des Kindes etwas größer ist, für das Kind ist es einfacher, wenn es schon etwas an Gewicht zugelegt hat. Und wir hatten Glück: Levi entwickelte sich normal. Er war zwar ein Leichtgewicht, aber er nahm zu und wuchs. Bei der Größe des Lochs war das keine Selbstverständlichkeit. Das erzählte ich dann auch immer fleißig herum. Ja, doof mit dem Herzfehler, aber hey, wir haben doch so ein Glück. Stimmte auch, aber in mir drin schrie jemand, und dieser jemand war nicht sonderlich feinfühlig. Er brüllte laut und lief dabei polternd durch meinen Körper: „Levi wird operiert, sie schneiden ihm den Brustkorb auf, sie legen sein Herz still – vielleicht für immer.“ Ich mochte diesen jemand nicht sonderlich, aber er hatte doch recht, oder? Bei so einer großen Operation kann ungefähr alles einfach nur schiefgehen. Schließlich sprach ich Tacheles mit jemand. Ich wollte meine Ruhe, ich wollte einfach eine schöne Zeit mit meinem Sohn. Und die machten wir uns auch. Jemand hielt sich meist im Hintergrund, flüsterte nur noch leise seine Parolen.

Termin in der Herzklinik

Etwa alle zwei Wochen mussten wir zum Kardiologen. Das Ergebnis war immer dasselbe: Loch noch da, wird nicht zuwachsen. Ab und an kommt es nämlich vor, dass so ein Defekt nicht relevant ist oder auch wieder verschwindet. Allerdings sind die Löcher in solchen Fällen dann kleiner oder liegen im Muskel-, nicht im Bindegewebe wie bei Levi. Trotzdem war da immer noch dieser Funke Hoffnung in mir, der sich den Platz mit jemand teilte. Ich drängte auf einen Termin in der Herzklinik. Vielleicht war unser Arzt ja auch ein Dilettant. War er aber nicht. Meine Hoffnungen zerschlugen sich von Woche zu Woche mehr, und jemand wurde wieder lauter.Dann wurde der OP-Termin festgelegt, und jemand brüllte wie am Spieß. Die zwei Wochen vor der Operation waren die schlimmsten. Der Kleine schlief in seinem Beistellbettchen direkt neben unserem Bett. Oft lag ich wach und starrte ihn einfach nur an. Manchmal hielt ich es nicht mehr aus, ging auf den Balkon, schaute mir den Sonnenaufgang an, atmete tief durch, manchmal weinte ich. Vielleicht klingt es seltsam, dass ich nur manchmal weinte, aber ich wollte einfach, dass Levi die beste Zeit überhaupt hat und nicht ständig in das verheulte, traurige Gesicht seiner Mama gucken musste.

Schließlich wurde Levi mit fünf Monaten operiert. Die Warterei hatte ein Ende, und jemand würde sich bald von mir verabschieden – hoffentlich für immer. Aber zunächst wurde er lauter denn je. Wir reisten einen Tag vor der Operation an. Levi bekam einen Zugang in den Kopf, die Standarduntersuchungen wie EKG und Ultraschall folgten, er wurde geröntgt, von oben bis unten durchgecheckt. Uns tat alles einfach nur weh. Und dann immer wieder dieser Satz: „Seien Sie froh, dass er noch so klein ist, er wird sich an nichts erinnern.“ Natürlich wusste er nicht, was ihm blühte, aber ganz sicher wusste er, dass er den Zugang in seinem Kopf doof findet, dass lauter fremde Menschen an ihm herumfummeln und wir einfach nur zugucken.  Wir durften in dieser Nacht zu dritt in einem Zimmer schlafen und bei ihm sein. Kurz vorm Schlafengehen alberten wir herum, und er lachte, bis er nach Luft schnappen musste. Der Schmerz in mir drin wurde immer größer. Mein Mann und ich wechselten verzweifelte Blicke.

Morgens wurden wir früh geweckt, Levi bekam ein erstes Medikament, das ihn beruhigte. Ab diesem Zeitpunkt bekam er nichts mehr mit. Wir durften ihn bis zum Fahrstuhl begleiten, dann mussten wir uns verabschieden. Sie schoben sein Bett in den Aufzug, die Türen schlossen sich und wir blieben allein mit jemand auf der Kinderstation zurück. Mein Mann weinte. Es war ein scheußliches Gefühl, das eigene Baby in fremde Hände zu geben und nicht genau zu wissen, ob wir Levi wiedersehen würden.
Eine Schwester war für uns zuständig, sie erklärte und zeigte uns alles, was es zu wissen gab. Die Intensivstation im Souterrain, den Platz, an dem sein Bettchen stehen würde. Wir versuchten, zu frühstücken, sammelten unsere Sachen ein, ich pumpte Milch ab. Wir gingen spazieren, in die Cafeteria, schließlich saßen wir eine Stunde zu früh im Elternzimmer der Intensivstation. Dort gab es eine Kaffeemaschine, eine Milchpumpe, einen Tisch, ein Sofa, einen Fernseher. Die Uhr an der Wand tickte, aber lief sie auch weiter? Es kam mir nicht so vor. Schließlich waren die geplanten sechs Stunden vorbei, aber die Tür blieb geschlossen, und das Telefon klingelte nicht.
Am Tisch saß eine alte Frau, sie weinte. Ihr neugeborener Enkel lag auf der Intensivstation, sie schaffte es nicht hinein. Zu groß war ihre Angst, dass sie den Anblick nicht aushalten könnte. Sie wolle für ihren Sohn da sein, sagte sie. Die Milchpumpe war hinter einem Paravent versteckt. Keine schöne Atmosphäre zum Abpumpen, aber das war nicht wichtig. Nichts war mehr wichtig in diesem Moment.

Gute Nachrichten

Die Tür öffnete sich, nachdem eine weitere Stunde vergangen war. Die Chirurgin zog ihren Mundschutz herunter, machte ein ernstes Gesicht. Ich dachte, das war’s, es ist etwas schief gelaufen. Dann sagte sie: „Es war ein hartes Stück Arbeit, aber wir haben’s hingekriegt. Das Loch war größer als gedacht und lag ungünstig an der Aorta. Wir mussten einen riesigen Patch einnähen.“ Für mich zählte in diesem einen Augenblick nur, dass Levi lebte. Wir würden ihn gleich wiedersehen, sein Bettchen würde an dem uns gezeigten Platz stehen. Die Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Eine halbe Stunde später durften wir zu ihm. Levi lag in diesem großen Bett mit den orangefarbenen Gitterstäben. Er sah so verloren aus, so klein. Schläuche, Drähte, weitere Zugänge und ein großer Verband verdeckten seinen nackten Körper. Ich hatte erwartet, spätestens jetzt zusammenzu- brechen oder zumindest irgendwie auszuflippen, aber ich war einfach nur glücklich. Glücklich, dass unser kleiner Sohn dort lag und diese Operation überstanden hatte, dass sein Herz wieder schlug. Sehe ich mir heute, vier Monate später, diese Bilder an, weine ich manchmal. Aber damals war ich einfach nur glücklich.

Levi lag mit drei anderen Babys auf einem Zimmer, hinter ihm waren zwei Monitore aufgebaut und drei Ständer mit Spritzenpumpen sorgten ständig dafür, dass 17 Medikamente seinen Kreislauf stabil hielten. Es piepte immer irgendwo. Herzschlag zu schnell oder zu langsam, Temperatur zu hoch oder zu niedrig, Atmung selbstständig oder nicht. In den ersten 24 Stunden lag Levi noch im künstlichen Koma. Er wurde beatmet, Herz und Lunge sollten sich an ihre normale Funktion gewöhnen. Ständig liefen andere Eltern an unserem Zimmer vorbei. Auch die Eltern des Babys, dessen Oma den ganzen Tag im Elternzimmer saß und betete. Kurze starre Blicke wurden ausgetauscht. Es stand nicht gut um ihr Kind.

Der alte fröhliche Levi

Auf der Intensivstation gibt es Besuchszeiten. Wir blieben, solange wir durften, hielten jeder eine Hand, sangen und lasen Levi etwas vor, dann fuhren wir nach Hause. Im Hausflur fehlte der Kinderwagen, die Wohnung wirkte seltsam fremd. Wir riefen noch zweimal nachts an, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. So ging es die nächsten sechs Tage. Levi wurde wach, es wurden jeden Tag weniger Schläuche, weniger Zugänge. Irgendwann durften wir ihn selbst füttern, wickeln, endlich wieder halten, endlich wieder im Arm spüren. Dann schenkte er uns das erste Lächeln nach Tagen. Er wurde langsam der alte fröhliche Levi.  So ergeht es dort nicht jedem. Im Elternzimmer sprach mich eine junge Mutter an. Sie sprach kaum Deutsch, kein Englisch. Zusammen mit ihrem Mann war sie aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Ihre Tochter kam hier zur Welt – zum Glück. Sie verstand nicht, was mit ihrem Baby los war, die Kleine lag zusammen mit Levi auf dem Zimmer. Beide hatten einen VSD ähnlicher Größe, Levi war wach, ihre Kleine nicht. Aber VSD ist nicht gleich VSD, viele Faktoren spielen eine Rolle, wie lange ein Kind braucht, um sich zu erholen. Ich versuchte ihr das zu erklären, sie war so verzweifelt, so traurig. Ich bin nicht sicher, ob sie mich verstanden hatte. Wir gaben einer Ärztin einen Hinweis, und sie machte dem Paar neuen Mut. Als wir Levi zum ersten Mal in einen Kinderwagen des Krankenhauses legten und mit ihm das Zimmer verließen, um einmal über den Flur zu fahren, schauten die Eltern der Kleinen zu uns hinüber, sie lächelten verhalten.  Wer schon einmal auf einer Intensivstation war, kann die Stimmung vielleicht nachvollziehen. Dort geht es um Leben und Tod, ein Ort, an dem niemand sein möchte, aber noch weniger möchte man, dass sein eigenes Kind dort sein muss. Viele der kleinen Patienten dürfen nicht nach wenigen Tagen wieder nach Hause wie Levi, einige wenige verlassen die Intensivstation nie wieder.

Der Enkel der Frau hat nicht überlebt. Das weiß ich, weil ich gerade Milch abpumpte, als die Nachricht das Elternzimmer flutete. Nach kurzer Zeit trafen immer weitere Familienmitglieder ein. Sie alle gingen nacheinander auf die Station, um Abschied zu nehmen, um gemeinsam zu weinen. Mir wurde übel. Wir hatten Glück, diese Familie nicht. Und darum geht es doch letztlich im Leben: Glück. Nach sechs Tagen kam Levi auf die Kinderstation und nach weiteren vier Tagen durften wir das Krankenhaus verlassen. Auf dem Weg zum Auto trafen wir das Paar aus Afghanistan wieder. Ihrer Kleinen ging es besser, beide lächelten, sie waren zuversichtlich, dankbar.

„Eine ganze Gemeinde hat für uns gebetet“

Die lange Narbe auf Levis Brust verblasst langsam. Meine Erinnerungen nicht. Wie auch, jedes klitzekleine und große Ereignis in seinem Leben ist sauber abgelegt. Die meisten sind in der Schublade mit den schönen Dingen, der Herzfehler ist eben in der mit den weniger schönen – zusammen mit so banalen Dingen wie Blähungen oder dem ersten Schnupfen. Da ich diese Geschichte anonym schreibe, bringt es eigentlich wenig, wenn ich mich noch einmal bei unseren Familien, Freunden, den Ärzten und dem Krankenhauspersonal bedanke, aber vielleicht erkennt uns ja der eine oder andere. Ich war überwältigt von der Anteilnahme und bin sehr, sehr dankbar dafür, dass wir das alles nicht alleine schaffen mussten. Es ist einfach schön, zu wissen, dass so viele Menschen an uns gedacht, so viele Kerzen für Levi gebrannt haben. Ich bin nicht sonderlich religiös, aber sogar eine ganze Gemeinde hat für uns gebetet. Es musste einfach gut gehen, es gab auch keine andere Option. Und es ist einfach Wahnsinn, was die Ärzte, Schwestern und Pfleger im Krankenhaus leisten. Ich weiß nicht, wie oft wir dieselben Fragen gestellt haben – und Fragen hatten wir viele. Immer bekamen wir eine nette ausführliche Antwort. Wenn wir nachts anriefen, um uns nach Levi zu erkundigen, waren alle voller Verständnis und erzählten uns oft, was für ein freundlicher kleiner Bursche er sei.

Wir müssen jetzt noch regelmäßig zum Kardiologen, aber Levi geht es gut, sein Herz schlägt normal, der Patch ist weitestgehend dicht. Er braucht keine Medikamente und wird voraussichtlich ein ganz normales Leben führen. Jemand ist verschwunden und belästigt mich schon lange nicht mehr. Der Alltag ist da und ich liebe ihn. Ich koche seine Flaschen und Schnuller ab, während Levi neben mir den Fußboden ableckt. Mir wird das Herz schwer, wenn er wegen eines Schnupfens nachts nicht schlafen kann. Ich frage mich, wie es wird, wenn ich bald wieder arbeiten gehen muss und mein Mann dann hier die Zeit mit ihm genießen darf. Jeden Morgen habe ich den Kleinen im Arm, er lächelt mich an und ich werde von der wahnsinnigen Liebe zu ihm überrollt. Und da ist es dann wieder, das alles entscheidende im Leben: pures Glück.

Wenn einer von Euch mehr erfahren möchte, weil er vielleicht in einer ähnlichen Situation steckt, schreibt Muddi. Sie kann Euch unsere Kontaktdaten geben. Wir helfen gerne weiter, wenn wir können und teilen unsere Erfahrungen mit euch.

 

*Dieser Gastbeitrag kommt von einer lieben Freundin, die mit ihrer Geschichte anderen Eltern helfen möchte, aber lieber anonym bleibt . 

Foto: http://www.unsplash.com/@ileanaskakun

Vollzeit? Vereinbarkeit? Wie machst du das bloß?

Diese Frage verfolgt mich seit rund vier Monaten. Sie ist nicht böse gemeint, aber sie macht mich manchmal böse. Denn mein Mann hat diese Frage noch nie gehört. Eher die Variante: „Und wie macht deine Frau das?“ Und ich denke jedes Mal: Wieso ich? Wieso muss ausschließlich ich irgendwas machen, damit das funktioniert? Ja, seit vier Monaten arbeiten wir beide wieder in Vollzeit. Schneller als erwartet und irgendwie wurde ich ein bisschen überrumpelt. Aber so ist das Leben manchmal. Da kommt eine einmalige Chance daher und man muss sie ergreifen oder eben nicht. Ich habe sie ergriffen. Natürlich nicht, ohne den Familienrat vorher zu befragen. Mein Mann war sogar noch mehr dafür als ich. Vielleicht weil er mich sehr gut kennt und weiß, dass er mein Gejammer über eine verpasste Chance die nächsten zehn Jahre nicht hätte ertragen können. 

„Das ist aber heftig!“

Doch so richtig konnte ich mich anfangs über meine Beförderung gar nicht freuen, denn vom Personalchef über Kollegen bis hin zu Bekannten hörte ich nicht „Glückwunsch“, sondern ungläubiges „Und wie machst du das dann?“ oder „Krass!“ oder „Das ist aber heftig!“. 

Mir war dabei nur eines wichtig: Meine Tochter soll darunter nicht leiden und uns beide nicht weniger sehen. Das klappt, weil mein Mann im Schichtdienst arbeitet und sehr häufig schon mittags wieder daheim ist. Da klappt auch, weil ich Homeoffice mit flexiblen Arbeitszeiten kombinieren kann. Das klappt, weil ich die ersten Mails verschicke, wenn mein Kind morgens noch schläft. Aber es klappt nur, weil wir beide ganz viel dazu beitragen und zwar 50/50. Und deswegen macht mich diese Frage „Und wie machst du das?“ so mürbe. Denn mein Mann tut dafür genauso viel wie ich. Manchmal glaube ich, dass er sogar noch mehr macht, aber das sage ich ihm lieber nicht.

„Ich könnte das nicht!“

Und ja: Es ist anstrengend. Sehr sehr anstrengend. Aber für uns beide. Dennoch würde nie jemand auf die Idee kommen, meinen Mann zu fragen, wie er das denn so hinkriegt mit seiner Vollzeitstelle. Keiner fragt, ob er sein Kind tagsüber nicht vermisst. Doch das tut er. Genau wie ich. Seine Kollegen sagen nicht: „Ich könnte das ja nicht!“.

Ich muss ganz ehrlich sagen: An manchen Tagen kann ich es auch nicht. Und mein Mann genauso wenig. Wenn wir eine doofe Nacht hatten mit wenig Schlaf. Wenn wir alle abwechselt über Wochen krank sind. Wenn wir einfach nur unendlich müde sind. Wenn ich im Büro sitze und er mir ein Bild von meiner lachenden Tochter im Schnee vor den Pinguinen im Zoo schickt. Dann frage ich mich selbst „Wie machst du das bloß?“. Aber ich darf mich das fragen. Und ich glaube, diese Momente haben alle Eltern. 

 

Muddi-Fail: Ich bin nicht perfekt & das ist ok!

Es gibt so einige Tiefpunkte in der Karriere einer Mutter. Der Moment, in dem ich verzweifelt meinem Mann unser Baby in die Hand gedrückt habe, mich im Bad einschloss, den leeren Wäschetrockner angemacht und mich in die Duschkabine gesetzt habe, nur um das Schreien meiner Tochter nicht mehr zu hören, gehört sicherlich zu meinen persönlichen Top-5 dazu. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Ich konnte es nach mehr als vier Wochen nicht mehr aushalten. Dieses Schreien. Den ganzen Tag lang. Ich war allein daheim gewesen und am Ende meiner Kräfte und Nerven. Dann kam mein Mann nach Hause und alles hatte sich entladen. Ich wollte, nein ich konnte es einfach nicht mehr hören. Ich habe mich dafür sehr geschämt. Schließlich hatte ich versagt. Sollte eine Mutter nicht in der Lage sein, das eigene Kind zu beruhigen? Was für eine Looser-Muddi! Heute weiß ich, dass es vielen Eltern am Anfang so geht. Doch ich hatte daran zu knacken. Eine Mutter, die sich im Bad einschließt und vor ihrem Kind weg rennt. Meine Hebamme hat mir später einmal gesagt, dass es das beste ist, was man tun kann, wenn man merkt, dass man nicht mehr kann. Einmal kurz durchatmen. Nicht lange. Nur einen Moment, um nicht verrückt zu werden. Da auch ich dazu tendiere, die Vergangenheit zu verklären, kann ich mir die Situation heute nur noch schwer vorstellen. Doch manchmal zwinge ich mich dazu, an genau diese Situation zu denken.

Trotzanfall deluxe & das schlechte Gewissen

Denn letztens hatte ich auch einen Tag, der ebenfalls nicht in die Geschichte meiner glorreichsten Muddi-Momente eingehen wird: Schlechter Tag, gestresst, müde und das Töchterchen hat ein Trotzanfall deluxe im Hausflur. Ich habe geschimpft und gemeckert und war plötzlich genauso eine Mutter, die ich nie sein wollte. Ich fand mich ziemlich doof. Vor allem, weil ich weiß, dass meine Tochter das liebste und tollste Kind der Welt ist. Aber diese Phasen gehören mit 2,5 Jahren nun einmal zum Alltag dazu. Autonomiephase oder Trotzphase. Wie auch immer man es nennen mag. Ich kann damit eigentlich auch ganz gut umgehen, aber manchmal gibt es eben einen Pädagogik-Fail. Es tat mir Leid, dass ich harsch und  ätzend war. Das schlechte Gewissen malträtierte mich den ganzen Abend. Und deswegen habe ich bei Twitter folgendes geschrieben:

twitter1

Aufgebaut haben mich die Worte von Blogger Steffen (Papa Pelz):

twitter2

Und dann habe ich über die Worte nachgedacht. Es stimmt: Kinder wachsen ja nicht in einer Blase auf. Sie können ruhig merken, dass auch Mama und Papa schlechte Tage haben  – genau wie sie ja auch. Ich bin nicht perfekt. Das wusste ich auch schon vorher, aber als Muddi setze ich mich manchmal zu sehr unter Druck damit. Dann tut es manchmal gut, von anderen Eltern zu hören, dass es allen so geht und völlig ok ist. Meiner Tochter habe ich am nächsten Tag gesagt, dass Mama manchmal einen schlechten Tag hat und eben auch mal sauer ist, doch dass ich sie trotzdem lieb habe. Immer. Daran wird sich nichts ändern. Nie.

An dieser Stelle könnte ich mit einem feuchten Auge den Artikel beenden. Das wäre ein schöner Schluss, aber eben nicht das Leben. Denn exakt einen Tag später hat meine Tochter mich erneut mit einer Aktion zur Weißglut getrieben und während sie etwas immer und immer wieder tat, was ich ihr zuvor verboten hatte, sagte sie plötzlich mit der zartesten Stimme des Universums: „Aber Mama, du hast doch gesagt, dass du mich lieb hast, auch wenn du sauer bist!“ Und plötzlich verwendet meine zweijährige Tochter dieses Argument gegen mich. Und bringt mich zum Lachen. Dafür habe ich sich sogar noch mehr lieb.

Schaufelgate auf dem Spielplatz: Lasst eure Kinder doch mal in Ruhe!

Jan-Ole möchte rutschen. Darf er aber nicht, weil die Rutsche noch nass ist und er keine Matschhose trägt. Also sucht sich der kleine Knirps eine andere Beschäftigung: Er steuert auf das Sandspielzeug-Arsenal von Hannah zu, die munter inmitten von Schaufeln, Eimerchen und Förmchen sitzt. Jan-Ole hat eine grüne Schaufel anvisiert und rennt los. Doch bevor er das Objekt seiner Begierde erreicht, schreitet sein Vater verbal ein. „Nein! Das gehört uns nicht!“, sprudelt es panisch aus dem grau-melierten Mittvierziger im Karohemd. Doch Jan-Ole reißt sich los. Mir kommt diese Szene vor wie in Slow-Motion. „Neiiiin! Daaas gehööört uns niicht!“, ruft er erneut und wetzt hinter seinem Sprößling her. In diesem Moment denke ich: Ich hätte gerne eine Tüte Popcorn. Wenn es nicht so traurig wäre, was sich auf vielen Spielplätzen so abspielt, würde ich dieses gratis Entertainment etwas mehr genießen können. Ich meine: Hey, die Sonne scheint. Ich habe frei, mein Kind spielt in einem Spielhäuschen und ich krieg hier noch die Showeinlagen der Heli-Eltern geboten. Doch es ärgert mich.

Schaufelgate und Nachos mit Käse

Jan-Ole hat die Schaufel erwischt und steht siegessicher im Sandkasten und reckt seinen Fund heroisch in die Luft. „Meins!“, ruft er und lacht. Hannah, die rechtmäßige Besitzerin der Schaufel zeigt sich unbeeindruckt. Genauso wie Hannahs Mutter, die auf einer Bank sitzt und zuschaut. Doch Jan-Oles Papa sieht das anders. Er wirkt nervös. „Das tut mir Leid! Mein Sohn hat eine sehr abstrakte Vorstellung von Besitztum!“, sagt er mit lauter und fester Stimme, damit es auch alle hören. Das ist der affigste Satz, den ich je in einem Sandkasten gehört habe. Ich wünsche mir jetzt Nachos mit Käse. Aber pronto. Dieser Nachmittag kann nicht unterhaltsamer werden. Dann versucht er seinem Sohn die Schaufel zu entreißen. Hannahs Mutter schaut teilnahmslos rüber und widmet sich dann wieder ihrem Baby, das sie gerade stillt. Es ist ihr egal, dass ein anderes Kind die Schaufel ihrer Tochter in der Hand hält. Jan-Ole weint jetzt. Sein Vater legt die Schaufel in den Sand zurück und entschuldigt sich nochmal. Bei wem auch immer.

Die Schreie hallen noch lange nach

Dann kommt ein anderes Kind und nimmt die Schaufel. Spielt ein wenig damit und schmeißt sie wieder weg. Keiner protestiert. Keiner verbietet das. Keiner weint. Jan-Ole wurde derweil unter lautem Protest vom Spielplatz  entfernt. Die Schreie aus dem Fahrradanhänger hallen noch eine Weile nach. Und ich fragte mich, warum man es sich manchmal so unnötig schwer macht. Warum gibt es so viele Eltern, die ihre Kinder nicht einfach mal machen lassen? Die sich zurücklehnen und den Moment genießen. Klar, wenn ein Kind zu klein ist, um eine Leiter hoch zukommen, dann hilft man. Oder wenn Kinder handgreiflich werden. Aber sollten es die Kinder nicht erst einmal selbst versuchen dürfen? Warum nicht mal das Kind selbst die Situation lösen lassen?

„Vielen Eltern ist das Verhalten ihrer Kinder peinlich“

Das schlimmste sind dabei die Entschuldigungen der Eltern untereinander. Man merkt so vielen Müttern und Vätern an, dass ihnen das Verhalten der Kinder irgendwie peinlich ist, weil es ja ein schlechtes Licht auf sie selbst werfen könnte. Jan-Oles Papa hatte keine gute Zeit auf dem Spielplatz. Vielleicht auch, weil er denkt, dass sein Mini-Me unangenehm auffallen könnte. Vielleicht auch, weil es manchmal schwieriger ist, eine Situation auszuhalten, anstatt einzugreifen. Deswegen hatte Jan-Ole wohl heute auch keine gute Zeit auf dem Spielplatz.

 

Was meint ihr? Beobachtet ihr auch solche Situationen auf dem Spielplatz? Wie reagiert ihr darauf, wenn euer Kind fremdes Spielzeug haben will?

Top 5: Was Kleinkinder und Zombies gemeinsam haben

Ja, ich habe in meinem Leben zu viele Horrorfilme und Zombie-Serien gesehen. Das hat Folgen und beeinflusst meinen Alltag enorm: So denke ich beim Thema „Campen im kanadischen Wald“ nicht an Grizzlys, sondern an die Blair Witch. Und wenn mir auf einer einsamen Straße sehr lange kein Auto entgegen kommt, wäge ich mich schon mitten in der Zombie-Apokalypse und entwickle Überlebensstrategien. Über Clowns oder komische Puppen brauchen wir gar nicht erst reden und komm mir keiner mit einsamen Motels oder abgeschiedenen Blockhütten. Weiß ja jeder, was da so alles passiert. Ja, Horrorfilme haben mich versaut. So sehr, dass ich tatsächlich im Verhalten meiner Tochter Parallelen zu Zombies feststellen kann! Krank oder?!

 

Hier meine Top-Five

1. Kinder essen wie Zombies – Mir ist aufgefallen, dass meine Tochter ihr Brötchen nicht isst, sondern sie weidet es aus. Sie beißt immer in die Mitte des Brötchens und manchmal reißt sie dabei den Kopf so energisch nach links und rechts, als ob sie ein Stück Beute im Mund hat, das sie erlegen muss. In Kombination mit dem roten Paprika-Tomaten-Aufstrich, ergibt das ein Massaker. Ihr Mund ist rot verschmiert und immer wieder reißt sie mit Wonne Stücke aus dem Brötchen, dass sie mit beiden Händen festhält. Sie reißt und beißt und schmatzt. Manchmal lacht sie dabei auch. Wer schon einmal einen Zombie bei einer Mahlzeit gesehen hat, kommt nicht umhin, gewisse Ähnlichkeiten im Essverhalten zu beobachten.

2. Sie wirken langsam, sind aber schnell – Wenn ich es morgens eilig habe, bewegt sich mein Kind in Zeitlupe. Sie schlurft die Treppe hinunter und wirkt dabei unendlich langsam. Doch dreht man sich im Supermarkt mal eine Sekunde um, dann ist sie plötzlich schnell. Blitzschnell. Genauso ist es doch in Zombiefilmen. Erst schlurfen sie langsam durch die Gegend und plötzlich sind sie super schnell da. Immer, wenn sich die Gejagten mal eine Sekunde lang umdrehen.

3. Sie machen komische Laute – Gerade am Anfang geben Kinder komische Geräusche von sich. Vor allem nachts. Das ist unheimlich – hat aber den Vorteil, dass man auch im Dunklen weiß, wo sie sind. Ich kann meine Tochter nachts anhand ihres Schnuller-Schmatz-Geräusches lokalisieren. Das ist auch wichtig, wenn man im Dunklen auf Zombies trifft. Man kann das Stöhnen, Ächzten und Schmatzen schon von weitem hören.

4. Kleidungsstil und Frisur – Wenn ich meine Tochter aus der Kita abhole, dann sieht ihre Kleidung aus, wie aus einem Zombiefilm. Verdreckt. Verschmiert. Meist mit roter Soße, weil ja anscheinend nur diese Flecken macht. Und oftmals kaputt. Ihre Haare stehen oft in alle Richtungen ab und sind verklebt und voller Vogelnester.

5. Sie schlafen nicht – Ein großer Vorteil, den Zombies haben, ist die Tatsache, dass sie keinen Schlaf brauchen. So können sie 24 Stunden am Tag Menschen jagen und in den Wahnsinn treiben. Ähnlich ist es mit kleinen Kindern. Gefühlt schlafen sie nicht. Oder selten oder zumindest dann nicht, wenn man will. Sie treiben einen in den Wahnsinn damit und dann wird man plötzlich selbst zum Zombie.

Es ist ein Kreislauf. Mama und Papa schlurfen nach den ersten Wochen mit Baby plötzlich auch mit verdreckten Sachen und strubbeligen Haaren langsam und teilnahmslos durch die Gegend. Wissen nicht mehr, ob Tag oder Nacht ist. Geben komische Laute von sich und fallen nach Tagen des Hungers plötzlich über eine alte Pizza her.

Habt Ihr auch solche Zombie-Momente erlebt?

 

 

Alles nur eine Phase?! Zwischen Wahnsinn und Frohsinn!

Die wichtigste Lektion, die man als Neu-Muddi schon sehr früh lernt: Gewöhne dich an nichts, denn alles ändert sich wieder. Meistens dann, wenn man es ausspricht. Etwa: „Seit zwei Wochen schläft das Baby super!“ Fail. Nachdem du diesen Satz laut gesagt hast, wird dein Kind nie wieder so super schlafen. Oder: „Bislang war das mit dem Zahnen nicht so wild!“ Möööp! Das Kind wird von nun an dauernd schreien und du wirst die Nächte neben deinem Sprößling bewaffnet mit Osanit Kügelchen und Zahnungsgel verbringen und dir wünschen, nie etwas gesagt zu haben. Auch ein Klassiker: „So richtig erkältet war das Baby noch nicht!“ Schwups! Von diesem Moment an wird die Nase deines Kindes nicht mehr aufhören zu laufen und eine Erkältung wird von der nächsten abgelöst. Das ist ein Gesetz.

Doch es gibt einen tröstlichen Gedanken, der alle Eltern irgendwie über Wasser hält und Hoffnung schöpfen lässt: Es ist alles nur eine Phase! Tatsächlich kann man sich darauf verlassen. Auch, wenn es manchmal unendlich lang bis zum Ende der Phase erscheint. Es hört irgendwann wieder auf. Bis zur nächsten Phase eben.

Bei uns gab es so einige Phasen, die uns an den Rande des Wahnsinns getrieben haben. Hier unsere Hitliste:

Schreiphase

  • Beschreibung: Dauerhaftes Schreien, sobald wach ab dem 3. Tag
  • Dauer: 14 Wochen
  • Launometer: im Keller
  • Erschöpfungsgrad: auf einer Skala von 1-10? 100!

5-Uhr-Phase

  • Beschreibung: Baby wacht um 5 Uhr auf und möchte nicht mehr schlafen
  • Dauer: 3 – 4 Monate
  • Launometer: man gewöhnt sich an alles
  • Erschöpfungsgrad: 6

Kind-wacht-mehrmals-nachts-auf-Phase

  • Beschreibung: siehe Titel
  • Dauer: alle Monate mal wieder für 1-2 Wochen
  • Laumometer: kein Kommentar
  • Erschöpfungsgrad: 7 (seitdem ich wieder arbeite: 9)

Kind-schläft-plötzlich-nicht-mehr-alleine-ein-Phase

  • Beschreibung: von heute auf morgen ging nichts mehr ohne ein bis zwei Stunden Einschlafbegleitung am Abend in Form von tragen, schaukeln oder Hand halten
  • Dauer: 8 Monate
  • Laumometer: Fuck it, dann hab ich eben nie wieder Freizeit
  • Erschöpfungsgrad: 8

Trotzphase

  • Beschreibung: Kind will alles alleine machen und wenn es nicht so läuft, wie gewünscht, dann geht es rund. Von Wegrennen über Dinge wegwerfen bis hin zum Weinkrampf mit auf den Boden werfen, war schon alles dabei.
  • Dauer: andauernd und immer wieder aufflammend
  • Launometer: Auf der Richter-Skala? Je nach Stärke und Dauer des Bebens.
  • Erschöpfungsgrad: Beim Kind? Hoch! Bei den Eltern? Ebenfalls!

Neben den schwierigen Phasen, die zu 90 Prozent mit dem Thema Schlaf zu tun haben, gibt es natürlich auch gute Phasen.

Zum Beispiel: Die Baby-schläft-durch-und-super-Phase oder die 10-Uhr-14-Uhr-Phase, in der unsere Tochter ein halbes Jahr lang wie ein Uhrwerk jeden Tag zwei Nickerchen von jeweils bis zu 2 Stunden gemacht hat. Ein Traum. Das ist nämlich das Gemeine: Wenn super tolle Phasen plötzlich enden. Das läuft dann in etwa so ab:

  1. Verleugnung (nein, die Phase ist nicht vorbei!)
  2. Schock (die Phase ist tatsächlich vorbei)
  3. Trauer (warum ist die Phase vorbei?)
  4. Annahme (die Phase kommt nicht wieder)
  5. Aufarbeitung (bald kommt eine neue Phase)

Egal, wie es kommt, es kommt immer etwas Neues. Somit: Genießt die guten Phasen! Und: Seid euch in schlechten Zeiten sicher: es wird besser. Es ist ein wenig wie ein Glücksspiel. Und noch was: Erzählt niemandem, wie gut euer Kind schläft. Niemals!

Mutterliebe: Warum ich mein Bier gerne warm trinke

Zwei kleine Arme, sind um meinen Hals geschlungen und eine heiße Wange klebt an meiner. Ich spüre ihren Atem in meinem Gesicht. Ich bekomme fast keine Luft mehr. So eng ist diese Umarmung. Im Nebenzimmer wird Fußball geguckt. Das erste Deutschland-Spiel der EM. Mein Mann und zwei kalte Biere warten nebenan. Doch ich liege in einem dunklen Raum. Jenseits von Fußball. Jenseits von allem, was da draußen in der Welt passiert. Ich liege da. Glücklich. Mit meiner Tochter eng umschlungen. Sie hatte nicht einschlafen können und ich habe mich zu ihr gelegt. Anfangs war ich genervt. Ausgerechnet zum Anpfiff.

Nun ist die erste Halbzeit fast vorbei und es ist mir egal. Eine getrocknete Träne klebt an meiner Wange. Eine salzige Spur der Freude. Manchmal kommen perfekte Moment unverhofft. So wie heute. Dann ist Glück eine Umarmung meiner Tochter.

Wir liegen da so nebeneinander. Ihre Atmung wird gleichmäßiger. Sie streicht mir kurz vorm Einschlafen noch einmal mit ihren kleinen Fingern durchs Gesicht. Als wolle sie gucken, ob ich noch da bin. Mein Herz macht einen Satz. Ein lautes „JAAAA!“ durchbricht die Stille. 1:0 für Deutschland. Doch ich möchte gerade nirgends lieber sein als in diesem dunklen Zimmer eng umschlungen mit meiner Tochter. Liebe fühlen. Glück spüren.

Gleich werde ich ein lauwarmes Bier trinken und wieder in die Welt da draußen einsteigen. Aber noch nicht jetzt. Ein paar Minuten brauche ich noch…

10 Dinge, die im Urlaub mit Kind nerven

Das Stimmungsbarometer im Urlaub mit Kleinkind ist oftmals so unbeständig, wie das Wetter in Deutschland. Von unbeschwert fröhlich bis hin zu verhagelt ätzend. Ja, man muss sich daran gewöhnen, dass Urlaub mit Kind eine völlig andere Nummer ist. Vor allem, wenn es mitten in der Trotzphase ist. Wenn früher all day long Aperol-Time angesagt war, gibt es heute eher „Ich-wollte-meine-Schorle-selber-eingießen-Heulkrampf-Time“.
Hier meine persönlichen Top-Ten Nervfaktoren im Urlaub:

1. Urlaub mit Kind ist wie eine Woche lang Wochenende!
Früher bedeutete Wochenende: Ausschlafen! Heute heißt es das Gegenteil. Deswegen ist Urlaub wie ein einziges mega langes Wochenende: Man wird jeden Tag zwischen 6 und 7 Uhr wach gemacht und dann geht es los.

2. Irgendwas ist immer
Zu heiß. Sonnenhut auf. Zu kalt. Mütze auf. Zu windig. Sonnenhut weht weg und Mütze ist zu heiß. Kind schreit und reißt sich jedwede Kopfbedeckung vom Kopf.

3. Sonnencreme
Vorbildliche Eltern tragen Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 bereits ab 15 Grad und Bewölkung auf. Das Eincremen selbst macht oftmals so viel Spaß, wie einem Aal die Augenbrauen zu zupfen (wenn Aale welche hätte). Kommen die Faktoren Sand und Wasser hinzu, kann man sich ja vorstellen was passiert. Es wird nicht lustiger.

4. Essen
Es ist Urlaub. Muddi hat Urlaub. Vaddi hat Urlaub. Die Küche hat Urlaub. Aber das Kind muss trotzdem einigermaßen gesund ernährt werden. Will es aber nicht. Es will Pizza. Kommt die Pizza will es Pasta. Bestellt man beim nächsten Mal Pasta will das Kind Pizza. So will es das Gesetz.

5. Regentage
Ätzend genug, wenn es früher im Urlaub geregnet hat. Mit Kind fallen alle Aktivitäten, die man früher als Paar bei Regen unternommen hat weg. Nämlich: Nix tun und/oder den ganzen Tag in einem Bistro sitzen und sich durch die Speise- und Getränkekarte essen und trinken. Mit Kind muss man kreativ werden. Denn nichts ist schlimmer als Langeweile in einer beengten Ferienwohnung oder gar in einem Hotelzimmer (wer macht eigentlich noch Urlaub im Hotel mit Kind?).

6. Planänderungen rächen sich immer
Einfach mal in den Tag hineinleben. Faul sein. Spät frühstücken. Vergiss es! Im Urlaub mit Kleinkind rächen sich jedwede Versuche, spontan zu sein und vom normalen Zeitplan abzuweichen. Mittagsschlaf mal ausfallen lassen, weil man gerade einen Tagesausflug macht? Kann man machen. Macht man danach wohl nie wieder. Denn spätestens am Nachmittag ist das Kind übermüdet und überdreht und der Tag wird mega anstrengend. Auch mutig: Zu spät zum Mittagessen in ein Restaurant gehen. Wenn man Lust auf ein mit Essen werfendes schreiendes Kind hat, nur zu!

7. Trotzanfälle
Eigentlich muss ich dazu nichts sagen. Zu Hause ist es schon mega nervig. Warum sollte es im Urlaub anders sein. Doch irgendwie hat man die Vorstellung, dass alles entspannter wird, wenn man erst einmal die Heimat verlassen hat. Wird es aber nicht. Es ist das gleiche Kind nur an einem anderen Ort.

8. Kleidung
Im aktuellen Urlaub habe ich für einen Badeurlaub gepackt und auch viel Wasser bekommen – allerdings von oben. Also musste ich improvisieren. Lagenlook im Sommerurlaub braucht kein Mensch. Dazu war es wechselhaft. Also muss man immer alles mitnehmen. Und ständig alles aus und wieder anziehen. 50 Prozent des Urlaubes war ich mit Umziehen des Kindes beschäftigt.

9. Packesel
Regenjacke, Matschhose, Badehose, Sonnenhut, Mütze, Jäckchen, Wechselbody, Windel, Wickelunterlage, Feuchttücher, Wasser, Quetschie, Sonnenmilch, Schnuller. Das ist die Grundausstattung, wenn das Wetter einem die ganze Bandbreite bietet und das auch noch innerhalb von 60 Minuten. Doof gelaufen, wenn man eigentlich nur mal kurz irgendwo hingehen will. Man packt immer alles ein.

10. Spielplätze
Ich bin keine typische Spielplatz-Muddi. Ich finde es mal ganz ok, ein Stündchen dort zu verbringen. Doch es ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Da ist es auch nicht besser auf einem italienischen oder österreichischen Spielplatz zu hocken. Vor allem, wenn man einen Strand hat. Aber egal wie toll die Landschaft, der Strand oder der Pool ist: das Kind will auf den Spielplatz.

Zum Thema Urlaub mit Kind durfte ich übrigens als InsideMom bei familie.de meinen Senf dazu geben.

Morgen sage ich euch dann, warum Urlaub mit Kind so toll ist. Denn das Leben als Muddi ist eben immer voller Widersprüche…

Schlaflos in Berlin: Das Ende eines Traumes

Da war ich also: Angekommen am Ziel meiner Träume. Naja vielmehr meiner schlaflosen Nächte. Zwei Jahre hatte ich mir dieses Szenario in meinem Kopf ausgemalt: Alleine im Hotel schlafen. Nur ich und ein Zimmer und Schlaf. Keine nächtliche Störung. Keine Schlafunterbrechung. Kein morgens um 5 oder 6 Uhr aufstehen müssen, weil die Nacht eben zuende ist. Egal welcher Wochentag ist. Ja, ich hatte seit zwei Jahren diesen Traum vom Schlaf. Unberührter purer Schlaf. Wie ein Baby. Nur ohne Baby.

Und dann war es endlich soweit. Dienstreise nach Berlin. Alleine. Ohne Kollegen. Ein Seminar im Herzen Berlins. Zwei Nächte im Hotel. Yess! Das Seminarhotel sah online gut aus. Hatte sogar einen Wellnessbereich. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Doch Träume sind in der Realität meist eben doch nicht so geil. Liegt in der Natur der Sache. Belege dafür gibt es viele. Nehmen wir beispielsweise den süßen Typen, den ich mit 15 im Zeltlager in Griechenland hardcore angehimmelt habe. Als ich ihn zwei Jahre später auf einer Party wieder traf und er mich so dermaßen platt und doof besoffen anbaggerte, dachte ich: was für ein arroganter Arsch. In meinem Kopf hatte sich das Wiedersehen anders abgespielt. Er war weniger hohl. Und weniger besoffen. Ähnlich war es mit meinem Praktikum bei einem Privatsender. Was war ich aus dem Häuschen dort arbeiten zu dürfen. Die ganzen Moderatoren und Promis treffen zu können. Bei den ganz großen Nachrichtenredakteuren über die Schulter gucken. In meiner Vorstellung war ich schon die nächste Antonia Rados. Der Blick in die Kulissen war dann so ernüchternd und anwiedernd, dass ich danach alles wollte, nur niemals zum Fernsehen.

Zwar nicht ganz so dramatsich, aber ähnlich disillusionierend war dann auch meine Reise nach Berlin. Es fing damit an, dass die Sekretärin die Buchung verschwitzt hat, das Seminarhotel dann ausgebucht war und ich auf ein Hotel in der Nähe ausweichen musste. Weniger Sterne. Weniger – sprich: gar kein Wellness. Weniger Schlaf. Denn das neue Hotel, welches in einem schicken DDR-Plattenbau beherbergt war, lag direkt im Kreuzungsbereich einer sechsspurigen Straße inklusive diverser Straßenbahn- und Bushaltestellen – vor meinem Fenster im zweiten Stock. Doppelverglasung? Nope! Ja, genau. Es war laut. In der ersten Nacht wachte ich circa vier Mal auf. Jedes Mal, wenn die Feuerwehr ausrücken musste und das Martinshorn an besagter Kreuzung angeschaltet wurde. Ja ick wes. Großstadt und so. Aber trotzdem! In der zweiten Nacht konnte ich erst gar nicht einschlafen, denn die Luft war so scheiße trocken, dass ich Hustenattacken bekam (ich bin eben alt) und immer wenn ich das Fenster aufmachte für Frischluft, hatte ich das Gefühl, an der Autobahn zu wohnen. Arme Fernfahrer. Wie schläft man eigentlich auf einem Rastplatz?

Im Nachhinein fühlt ich mich nach zwei Nächten im Hotel geräderter als zuvor. Dazu kommt noch, dass ich am ersten Abend eine Migräneattacke (habe ich zwei Mal alle fünf Jahre) bekam und ich mich übergeben musste. Das leckere Essen, welches ich vorher ganz weltmännisch in einem vietnamesischen Streetfood-Laden auf dem Prenzlauer Berg zu mir genommen hatte, landete somit schneller als erwartet in der Toilettenschüssel. Nein, ich kann darüber noch nicht lachen. Morgen vielleicht.

Das Schicksal wollte mir wohl eine Lektion erteilen. Oder Murphy. Oder Gott. Vielleicht: Träume sind Schäume. Vielleicht aber auch: Freu dich über das was du hast. Denn keine Nacht alleine im Hotel kann besser sein, als seine kleine schmusige Tochter im Arm zu halten, ihren Atmen zu spüren und ihre kleinen Hände zu streicheln. Ja, es ist nervig, wenn sie um 3 Uhr wach wird und bis 5 Uhr nicht wieder in den Schlaf findet. Doch es gab in den vergangenen 24 Monaten immer wieder Momente in diesen Nächten da war ich glücklicher als jemals zu vor. Da macht das Herz einen Satz. Und dann kann ich einfach nicht Schlafen. Aber dann ist es vor Glück. Besser wird es nicht.

What a week! Die Muddi-Geburtstags-Woche ist vorbei!

Puh! Es ist vollbracht! Ich hatte mir diese Challenge selbst auferlegt: Eine Woche lang jeden Tag ein Beitrag veröffentlichen! Anlass war mein erster Bloggeburtstag am 31. März. Natürlich hatte ich viele Artikel vorher geplant und geschrieben. Es hat auch riesig Spaß gemacht, die Aktionswoche zu planen und durchzuziehen. Dennoch: Acht Artikel in einer Woche ist viel und anstrengend. Vor allem, wenn man das alles nach der Arbeit und mit Kind wuppen muss. Ich habe die Artikel und Antworten oft zwischen 20 und 23 Uhr geschrieben, wenn meine Tochter im Bett war.

Aber die Reaktionen waren der Hammer! Danke! So viele Klicks, Likes, Kommentare und Mails in einer Woche! Toll!

Dennoch wird es Muddi nun wieder etwas relaxter angehen. Aber vielleicht nicht ganz so relaxt, wie vorher. So ein Mittelding. Ich hab schon wieder einige Ideen für Texte im Kopf. Es geht somit weiter!

Übrigens: die Verlosung und die Blogparade laufen noch! Also Mitmachen!

Eure müde Muddi!