Grenzwertige Mode: Kinder sollten nicht aussehen wie Mini-Erwachsene

Kindermode ist für einige Mütter und Väter schon vor der Geburt des Sprösslings ein Reizthema. Denn viele Eltern nehmen sich beim ersten Kind noch vor, geflissentlich auf rosa und blau zu verzichten, und den Nachwuchs möglichst geschlechtsneutral zu kleiden. Spätestens beim ersten Besuch der Großeltern hat sich das Thema dann wohl erledigt – es sei denn, man zieht die Sache straight durch und riskiert eine Enterbung, in dem man die geschenkten rosa Kleidchen und blaue Shirts konsequent entsorgt. Allerspätestens in der Kita kann man es dann aber wirklich vergessen. Feen und Prinzessinnen werden wohl irgendwann in den Kleiderschrank einziehen. Ich kenne Eltern, die sich lange dagegen gewehrt haben. Erfolglos. Ich persönlich denke, dass man es an beiden Fronten übertreiben kann. So lange es geht, kommt mir kein pinkes Tüll-Kleid ins Haus, aber meine Tochter darf rosa tragen – auch, wenn ich grau, gelb, grün und blau für ein Mädchen genauso schön finde.

Erstmals so richtig geärgert über das Thema habe ich mich allerdings in der Kinderabteilung eines großen Modeunternehmens: Bei den Jungs gab es Bandshirts von den Ramones und Run DMC und dazu baggy Shorts und schöne Strohhüte – bei den Mädchen hingegen gab es taillierte Minimaus-Shirts, Glitzer-Tops und eng geschnittene Jeans. Ich war genervt. In Kleidergröße 68 brauch ich so einen Scheiß echt noch nicht. Also kaufte ich damals das Shirt von Run DMC und den Strohhut. Aus der Kollektion für Jungs. Damit war die Sache für mich auch erstmal gegessen.

Diese Bilder machen mich wütend

Doch dann hatte ich eines schönen Tages von dem gleichen Modeunternehmen einen Katalog im Briefkasten. Beim Durchblättern sah ich dieses kleine Mädchen mit einem hübsch geflochtenen Zopf, das einen lustigen Katzenpulli an hatte und plötzlich lief mir ein Schauer über den Rücken. Irgendwas an diesem Bild war nicht o.k. Irgendwas stimmte nicht. Im ersten Moment wusste ich nicht genau, was mich so sehr störte. Aber mein Unbehagen wuchs, je länger ich auf dieses Kind starrte. Ich blätterte um und es wurde nur noch schlimmer. Ein Mädchen im Tutu mit plüschigen Katzenohren als Haarreif auf dem Kopf. Irgendwie sollte das wohl süß sein, aber ich fand auch dieses Foto furchtbar.

Und plötzlich wusste ich, warum ich diese Bilder so fies fand: Diese Kinder waren keine Kinder mehr, sondern sie sahen aus wie kleine Erwachsene. Sie hatten ihre Hände keck in die Hüften gestemmt, guckten künstlich grinsend in die Kamera und posierten wie Victoria-Secret-Engel auf dem Catwalk. Ein Mädchen in einem goldenen Kleidchen trug Engelsflügel und schaute mit einem Blick in die Kamera, den man bei einem Model um die 25 wohl als sexy bezeichnen würde. Aber es ist ein Kind. Und Kinder gucken normalerweise nicht so. Sollen sie auch nicht. Dazu kommt noch etwas: Ihre Gesichter: Die Augen waren teilweise ein bisschen zu blau und zu glänzend, der Hautton zu perfekt. Das sind Kindergesichter, die mit Photoshop bearbeitet wurden. Und zwar so extrem, dass man plötzlich Mini-Erwachsene ohne richtige Gesichtszüge vor sich hat. Überfliegt man die Seiten nur, sieht man Bar Rafaeli und Gigi Hadid oder Cara Delevingne vor sich. Und dann schaut man genauer hin und merkt: Nein, das sind Kinder. Verdammt nochmal Kinder! Das ist so falsch.

Leute, das ist irgendwie krank

Ich blätterte weiter zu der Kindermode für Jungs und war nicht minder schockiert. Weich gezeichnete Kindergesichter in Erwachsenen-Posen auch hier. Jungs in Anzügen. Schmale Krawatten. Slim Fit Hemden.  Kinder, die lässig eine Hand in der Hosentasche haben und sich mit der anderen Hand ein Sacko über die Schulter werfen. Was soll das? Sind das Fünfjährige, die sich nach ihrer Arbeit an der Wallstreet auf einen Cocktail verabreden? Ich bin wütend. Auch von der Tatsache, dass hier so kleine Kinder in Rollen gedrängt werden. Mädchen tragen Kleidchen und sind hübsch und Jungs tragen Anzüge und suggerieren Erfolg und Lässigkeit. Das geht über rosa und blau hinaus. Das ist ätzender als Elsa versus Bob der Baumeister. Da haben sich Marketing-Experten was bei gedacht. Fragt sich nur was?

Als mein Mann später den Katalog entdeckte, sagte er nur: „Kannst du das bitte wegschmeißen. Das ist absolut gruselig!“ Denn neben der Tatsache, dass es falsch ist, Kinder so darzustellen, habe ich plötzlich Angst davor, dass diese perfekt bearbeiteten Chucky-Kinder mich nachts in meinen Träumen heimsuchen, um mich auf dem Friedhof der Kuscheltiere lebendig zu begraben.

Kinder sollen aussehen wie Kinder

Doch davon mal abgesehen: Kinder in Modekatalogen sollen verdammt nochmal aussehen wie Kinder. Nicht wie perfekte Klone von Models. Sie sollen sich nicht in sexy Posen schmeißen müssen. Sie müssen nicht cool und lässig sein. Sie sollen Kleider mit dreckigen Gummistiefeln kombinieren dürfen oder Matschhosen tragen und in eine Pfütze springen beim Fotoshooting. Sie sollen lachen und ihre riesigen Zahnlücken präsentieren. Sie sollen Kinder sein dürfen. Auch, vor der Kamera. Diese gruseligen Chucky-Klon-Kinder in rosa Tutus braucht kein Mensch. Eine Valentins-Kinderkollektion übrigens auch nicht.

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9 Kommentare zu „Grenzwertige Mode: Kinder sollten nicht aussehen wie Mini-Erwachsene

  1. Ja, die Klamotten und Kataloge sind ätzend (such für die Erwachsenen Kollektion finde ich…) Aber man hat ja Gott sei Dank die Wahl…Meine kleinen Kinder haben die Jako-o Klamotten rauf und runtergeschleppt und such nach dem 100sten Waschen können diese noch 8 Generationen getragen werden. Die Extra-Skinny Jeans wurde selbst meinem schlankeren Kind 2 nicht passen- der ist nämlich extrem kernig und passt daher nicht ins Magersüchtig-Schema der Zeit…Mist aber auch. Am liebsten trägt er aber eh Sportklamotten, da er nach spätestens ner Viertelstunde egal wo er ist durchgeschwitzt und warmgetobt ist. Kind1 ist fast 12 und würde sich in den zwei Buchstaben eh nicht blicken lassen. Da reichen ne Jeans und ein Skatershirt ziemlich weit. Niemand muss den Schrott doch kaufen…

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    1. Das stimmt…man hat die Wahl. Aber wenn so ein riesiges Modeunternehmen so ein Bild von Kindern und vor allem Mädchen verbreitet, ist das auf vielen Ebenen falsch. Und leider kaufen ja auch viele diese sehr figurbetonten Sachen für ganz kleine Kinder…

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      1. Also, ich als Jungs-Mama, kaufe mittlerweile eher Hosen bei den Mädchen, weil die für die Jungs viel zu weit sind und zu sehr rutschen und sich nicht umkrempeln lassen. Ich finde „figurbetont“ nicht zwangsläufig schlecht, so lange der Stoff dehnbar ist. Und gerade, wenn die Kleinen mobil werden, sollte der Stoff ja auch gut am Körper sitzen und trotzdem stabil sein – deswegen finde ich Jeans mit viel Stretch gut, seitdem er läuft.
        Ich persönliche kaufe die meisten Kinderklamotten entweder gebraucht oder eben doch bei den zwei Buchstaben. Klar, da gibt es vieles, was total unfunktional ist (und gut möglich, dass der Katalog gruselig ist, ich hab ihn mir nicht so genau angeguckt), aber das muss ich ja nicht kaufen. Und der Rest ist in der Regel für meine Bedürfnisse angemessen. Sicher gibt es bessere Läden. Aber, mal ganz ehrlich: Ich kann nicht jede Saison 500 Euro für neue Klamotten ausgeben, weil die alten nicht mehr passen.
        Aber ich mich nerven auch die Genderklischees und ich frage mich sowieso, warum man schon ab Baby-Größen getrennte Abteilungen braucht. Was mir nicht gefällt, das kaufe ich halt nicht. Ist doch egal, ob es für Mädchen oder Jungs ist.

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  2. Ich verstehe gar nicht, warum das diskutiert werden muss. Klamotten sind, sei es bei Kindern oder Erwachsenen, Geschmackssache. Das eine Kind möchte gerne erwachsen aussehen und trägt Mamas Kleinung in Miniatur, das andere verliebt sich in den rosa Minimaus-Pulli mit Glitzer.

    Ein „Kinder sollten so und so angezogen werden“ gibt es bei mir nicht, Ich suche nach meinem Geschmack aus, solange mein Sohn noch zu jung ist und wenn er älter wird, gibt es, was ihm gefällt.

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  3. Ich kann dir nur auf ganzer Linie zustimmen!!! Wir kaufen bei der Modekette für unsere Mädels auch schon immer die Jungs Sachen. Und siehe da: Das Jungs-Shirt in 74 war genauso (!!!) groß wie das Mädels-Shirt in 1 Nummer größer. Ich persönlich finde, mit sowas fängt Body-Shaming schon an!
    Meine Große wird dieses Jahr 5 und ist voll im Elsa-Wohn! Aber meine Devise ist: Wenn es ihr eigener Wunsch ist, ist es OK. Wenn es ihr von Oma aufgeschwatzt wurde, dann schicke ich das Zeugs zu Oma zurück.
    Ein großes Problem hatten wir allerdings, als sich unsere Große jetzt zu Fasching als Meerjungfrau verkleiden wollte. Ein Kostüm zu finden, das nicht total sexy und aufreizend (oder auch total nuttig!) ist, war TOTAL schwierig! Ich war echt erschüttert vom Design vieler (Kinder!!!!!-) Kostüme!!!

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  4. Ich kann dir in großen Teilen nur zustimmen. Ich finde es unfassbar, das selbst bei Babykleidung sich bereits die Jungen- und Mädchengrößen unterscheiden und mädchensachen zB enger geschnitten sind. Bisher kaufen wir auch absolut gemixt: das was gefällt – egal ob aus der Jungs- oder Mädchenabteilung. Vor der Geburt habe ich jegliches Rosa verboten. Mittlerweile habe ich bemerkt, wie gut es meiner Tochter steht. (Rosa, nicht pink) und ich sehe es lockerer. Hier wird jetzt wirklich mehrfarbig eingekleidet – also eben auch mal rosa.
    Ich denke, dass solche Art von Katalogen für die Eltern gemacht sind. Oft für modebewusste Eltern, die sich durch eine solche Inszenierung zum Kauf verleiten lassen. Ab und zu finde ich „erwachsenkleidung“ an Kindern angebracht (beispielsweise einen Anzug/schönes Kleid zur Hochzeit) oder wenn die Kinder es selbst auswählen. Auch denke ich, dass Kinder teilweise den Geschmack der Eltern übernehmen: ist daheim zB alles in Grautönen durchgestylt und trage selbst diese Kleidung, wollen sie das (ab und zu) vielleicht auch? Natürlich neben Elsa & co.
    Die Welt der Kataloge entspricht hier genauso wenig der Realität, wie bei entsprechenden Erwachsenenblättern. Und solange es nur in dieser Zeitung so extrem bleibt, ist es aushaltbar. Denn die kann man ja, wie dein Mann so schön gesagt hat, einfach wegwerfen.

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