Kindersitzkauf from Hell

Irgendwann kommt in jeder Eltern-Karriere der Zeitpunkt, an dem die Babyschlale zu klein ist (och nööö!) und der Weg in einen nah gelegenen Babyfachmarkt angetreten werden muss, um einen Autositz fürs Kind zu kaufen. Wir haben diesen Moment möglichst lange hinaus gezögert. Denn: Wir hassen Babyfachmärkte. Ich kaufe gerne in kleinen schnuckeligen Läden, kleine schnuckelige Sachen für mein kleines schnuckeliges Kind. Der Gedanke an eine Halle im Industriegebiet, die in schönstem Neonlicht erstrahlt und wo einen die Auswahl an lieblos aneinander gereihten Produkten erschlägt, lässt mich erschaudern. Aber für manche Anschaffung muss man eben in einen dieser Läden gehen.

Also stehen wir an einem Donnerstagabend um 18 Uhr (antizyklisches Verhalten beim Shoppen wird bei uns groß geschrieben) vor einer Wand voller Kindersitze. Leider sind wir nicht die Einzigen, die dachten, dass um 18 Uhr alle Familien daheim beim Abendessen sitzen. Überall lauern Paare mit Kindern in den Gängen und versuchen möglichst unauffällig zu gucken. Aber alle haben das gleiche unerbittliche Ziel: Eine Verkäuferin abzugreifen. Wie Gazellen eilen diese begehrten Wesen – meist weiblicher Gattung durch den Laden. Beobachtet von vielen gierigen Augenpaaren. Scheint eine der Gazellen ein Gespräch mit einem Kunden zu beenden, schleichen sich prompt mehrere Paare an und umkreisen ungeduldig die Beute. Wer wird sie schnappen? Dabei tun natürlich alle so, als wären sie mega relaxt. Doch hier ist niemand relaxt. Denn niemand hat Bock auf Herumstehen im Babyfachmarkt. Vor allem, weil man weiß, dass die Stimmung hier jederzeit kippen kann, wenn das Kind keinen Bock mehr hat. 

Durch einen klugen Schachzug – nämlich die geschickte Umzingelung – ergattern wir eine Verkaufsgazelle. Der innerliche Triumph währt nur kurz, denn unsere Verkäuferin ist keine Gazelle, sondern eine Graupe. Denn von Autositzen hat sie keine Ahnung. Sie führt uns nur einen Kindersitz von Cybex vor. Unsere Tochter sitzt zur Probe und findet den Fangkörper lustig (für alle Nicht-Eltern, die nicht wissen was das ist: Ihr werdet es vielleicht selbst mal herausfinden und bis dahin, ist es auch völlig irrelevant).

Ich frage irgendwann nach der runtergenudelten Verkaufspräsentation was denn mit den ganzen anderen Sitzen, die hier rumstehen sei. Sie zeigt uns auf unser Drängen noch einen anderen Sitz. Diesmal von Kiddy. Ähnliches Modell. Auch o.k. Bei meiner Frage nach einer Liegeposition bei diesem Sitz, weist sie uns darauf hin, dass er keine habe, aber dass man einfach die Isofix-Stäbe ausfahren könne. Eigentlich sei das verboten, aber auf einer Messe habe sie gehört, dass das kein Problem sei. Ähm! Wie bitte? Ich rüttel an dem sehr losen Sitz mit den ausgefahrenen Isofix-Schienen und merke an, dass der Sitz mega locker ist und bei einem Aufprall von der Seite mein Kind dann wohl durch die Gegend fliegt. Sie antwortet darauf, dass dies kein Problem sei und außerdem gebe es generell keine Testberichte zum Seitenaufprallschutz! Und wieder: Ähm! What? Das macht keinen Sinn und ist außerdem bullshit. Ich frage nach den Testergebnissen der beiden Autositze: Sie sagt die Noten 1,4 und 1,6. Ich blättere zeitgleich im Katalog und sehe die Angaben 2,4. Sie sagt darauf: Das bezieht sich auf ein anderes Modell. Ich gucke es im Handy nach und merke, dass das nicht stimmt. Dann fragen wir noch nach den viel preisgünstigeren Sitzen der Marke Joie, die auf einer Aktionsfläche stehen und bislang keines Wortes gewürdigt wurden. Sie: Achso, die vergesse ich immer. Die sind eigentlich genauso gut. An den Sitzbezügen wurde ein bisschen gespart und ein Testergebnis gibt es offiziell noch nicht, aber der soll auch eine super Note bekommen. Ähm! What? Hat sie hellseherische Fähigkeiten?

Wir bedanken uns für die großartige Beratung und fahren frustriert nach Hause, recherchieren im Netz nach Testberichten, lesen uns ein und kaufen dann den Sitz von Cybex, in dem meine Tochter gut saß für 60 Euro weniger bei Amazon. Ja, ich weiß. Eigentlich ist das scheiße. Aber, wenn ich so schlecht beraten werde, dann kaufe ich den Sitz eben nicht im Laden.

Leid tun mir nur die anderen Eltern, die sich von so einer Verkaufs-Graupe irgendeinen Mist erzählen lassen. Wenn es hier um Kleidung ginge, wäre es mir ja egal, aber hier geht es um die Sicherheit von Kindern. Generell frage ich mich, warum die Verkäuferin uns nur ein Modell vorstellen wollte. Kriegen die Provision? Denn eine Freundin berichtete letztens ähnliches vom gleichen Babymarkt. Allerdings wurde ihr nur Kiddy vorgestellt.

Da wir nun einen Sitz gekauft haben, der mitwächst, hoffen wir, dass wir die ätzende Beratung für die nächsten Jahre hinter  uns haben.

PS: Der günstige Sitz von Joie hat übrigens beim aktuellen ADAC-Test einen der Spitzenpläzte belegt. Somit hatte die Verkäuferin wohl doch hellseherische Fähigkeiten. Allerdings wollte sie uns dieses Modell einfach nicht verkaufen. 

Anmerkung: Dieser Text ist nicht gesponsert, sondern bildet meine persönliche Meinung ab. Die Markennamen werden genannt, weil ich es albern fänd, sie zu verschweigen, nur weil ich keine Kohle für den Beitrag bekomme.

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