Scream: Vom Schreien kalt erwischt

Es hat uns kalt erwischt. Ohne Vorwarnung. Ohne Vorbereitung. Einfach kalt erwischt. Schreien. Ein Thema, dass uns einfach so überrollt hat.

Ich war im Vorfeld keine große Baby-Ratgeber-Bücher-Leserin (gut, bin ich immer noch nicht) und vielleicht waren wir auch ein bisschen naiv. Doch in all den Erzählungen von der tollen kuscheligen ersten Zeit mit Baby kam das Thema „permanentes Schreien“ nicht vor. In den ersten Wochen schläft, trinkt und kuschelt ein Baby. Mehr nicht. Es schreit nur, wenn es Hunger oder die Windel voll hat. Sonst nicht. Zumindest wurde dieses Bild überliefert. Und dann hat man ein Kind, das schreit und schreit und schreit. Vor dem Stillen. Nach dem Stillen. Vor der frischen Windel. Nach der frischen Windel.

Bäm! Schock! Denn unsere Kleine fing bereits in der ersten Nacht daheim an zu schreien. Nicht nur ein bisschen. Nicht wegen Hunger. Sondern plötzlich, ausdauernd und in einer Lautstärke, die ich dem kleinen Würmchen nicht zugetraut hätte. Ja, unsere Tochter hat ein Organ.

Wir hatten von Drei-Monats-Koliken noch nicht viel gehört und von so genannten Schreikindern (ich verabscheue dieses Wort!) hatte ich keine Ahnung. Obwohl ich Mini nicht als solches bezeichnen würde. Dazu reichte laut Definition!? ihre Schreidauer nicht aus. Definitionen sind bei diesem Thema sowieso schwierig. An manchen Tagen hat sie immer, wenn sie wach war, geschrien. Manchmal nur abends. Dann wieder einen Tag nicht und dann wieder jeden Tag. Das passte nie so richtig in das Schema. Wir waren ratlos. Und genau hier setzt dann etwas ein, was wohl viele Neu-Eltern in dieser Situation erleben. Viele Experten sagen und raten viele Dinge zu dem Thema. Die Hebamme sprach direkt von Drei-Monats-Koliken. Der Arzt wiederum von Regulationsstörungen, da es Drei-Monats-Koliken eigentlich nicht gebe. Denn so richtig bewiesen sei die ganze Sache nicht. Allerdings müsse sich die Verdauung des Kindes erst einpendeln und viele Babys hätten anfangs damit zu kämpfen. Die Osteopathin sprach von Blockaden. Das Internet von Geburtstrauma und allen möglichen anderen Dingen.

Es wurden Öle, Zäpfchen, Kügelchen, Lefax, Fönapp, Haltetechniken sowie Schnick und Schnack empfohlen und ausprobiert. Massagen wurden angepriesen (schon mal eine Bauchmassage bei Bauchschmerzen bekommen? Hat man da Bock drauf? Unser Baby nicht!) und immer wieder auf den Fliegergriff oder das Pucken verwiesen. Hätte mir in der Zeit übrigens noch einmal jemand den Fliegergriff zur Linderung empfohlen, wäre ich aus dem Fenster gesprungen. „Ja, den kennen wir. Ja, machen wir. Nein, es hilft nicht immer! Nein, wirklich nicht! Jetzt echt nicht! NEIIIIN!“

Wir haben uns ziemlich verwirren und auch viel aufschwatzen lassen und im Nachhinein kann ich sagen: man muss da einfach durch. Denn so richtig nachweisbar geholfen, hat uns von dem ganzen Kram nicht viel. Klar meint man, dass das eine oder andere etwas Linderung verschafft hat, aber wir wissen es nicht und die Medizin anscheinend auch nicht. Denn einen medizinischen Befund gab es nicht und Medikamente dagegen somit auch nicht. Klar kann man Lefax und Co. geben, aber das will man auch nicht über Wochen und Monate. Außerdem weiß man auch hierbei nie so richtig, ob es hilft. Es ist schon erstaunlich, welche komplizierten medizinischen Eingriffe möglich sind und dennoch stellt das Schreien von Babys Ärzte, Hebammen und Eltern immer noch vor ein Rätsel.

Wir haben übrigens viel Geld für homöopathisch Mittel ausgegeben. Da wurde uns eine Menge empfohlen. Es gibt Globuli mit den tollsten Namen, die laut Internetforen Wunder wirken. Geholfen hat es in unserem Fall nicht. Es ist vielleicht eine Glaubenssache, obwohl wir wirklich für alles sehr offen waren. Letztendlich muss es jeder für sich entscheiden. Mittlerweile sind mein Mann und ich uns übrigens sicher, dass es Bauchschmerzen/Koliken waren. Sie hatte von Anfang an und auch später noch Probleme mit der Verdauung.

Was hat geholfen?* Wir waren einfach für sie da. Nähe. Geborgenheit. Haben sie gehalten und versucht sie zu beruhigen. Haben uns abgewechselt. Das war ganz wichtig und der beste Tipp der Hebamme. Mal alleine kurz rausgehen. Durchatmen. In Schichten trösten. Manchmal auch sich gegenseitig. Wir sind dabei an unsere Grenzen gekommen.

Das Schreien lässt den Adrenalinspiegel in die Höhe schnellen. Man verkrampft. Das Baby tut einem so Leid und gleichzeitig will man nur noch, dass es aufhört. Kein schönes Gefühl. Manchmal keimt Verzweifelung auf. Alltägliches wird zur Herausfordereung. Verabredungen mit anderen Muddis zum Kaffee werden zur Belastungsprobe, falls man hingeht. Alles wird schwierig.Und dann ist man ja auch noch angeschlagen von der Geburt. Kämpft mit dem Schlafmangel und den Hormonen und alles ist neu.

Drei Monate können eine lange Zeit werden. Aber tatsächlich wurde es nach acht Wochen schon besser und nach 12 Wochen war unser Baby wie ausgewechselt. Mit der Verdauung hatte sie noch eine Weile zu kämpfen, aber es ist immer besser geworden. Das war unser Strohhalm, dass es besser wird. Denn wir wussten, dass wir ein fröhliches kleines Mädchen haben und sie das auch sein würde. Und: sie ist es. Heute schreit sie nur noch selten. Wenn sie müde ist und nicht in den Schlaf kommt oder wenn sie krank ist.

* Diese Dinge haben unserer Meinung nach zwischendurch auch mal etwas Linderung verschafft: Kümmelzäpfchen, Herumtragen und durch die Wohnung laufen, Fön-App.

Das Grauen hat einen Namen!

Wie sehr viele Eltern, die sich vor der Geburt des ersten Kindes so viel vornehmen und dann eines Besseren belehrt werden, waren mein Mann und ich große Befürworter von Holzspielzeug. Holz – ein Produkt der Natur. Rein. Vollkommen. Schon unsere Vorfahren spielten mit Holz (gab ja auch nix anderes) und sie waren so glücklich damit.

Vor unserem inneren Auge sahen wir unsere Tochter schon selig mit Holzklötzen (natürlich mit FSC-Siegel und Made in Germany) Türmchen bauen – ganz im Einklang mit der Natur. Sie würde einen Gänseblümchenkranz im Haar tragen und Bienchen – ja, echte Honigbienchen – würden draußen am Fenster vorbeischwirren. Unsere Tochter würde vor lauter Verzückung kurz ihr Holzspielzeug zur Seite legen und grinsend „Ui“ rufen, ehe sie sich wieder ihren biologisch abbaubaren Klötzchen zuwenden würde. Diese Szene spielte sich fast lautlos immer und immer wieder ab.

Doch die Realität sieht anders aus. Die Realität ist bunt, made in China, besteht aus Plastik und ist vor allem eines: laut! Während die Holzklötzchen ein tristes Dasein neben den Wollmäusen in der Ecke fristen, tanzt das Plastikspielzeug Samba – mit unserer Tochter. Fisher Price, Chicco und Vtech sei Dank! Die penetranteste Plastiknervensäge, die unsere Tochter bei einer Freundin lieben gelernt hat und die sie dann (wir wissen jetzt auch warum!) mit nach Hause nehmen durfte, ist ein pinker Laufwagen mit blinkenden Knöpfen, Rädchen und Tasten. Die Entwickler dieser Baby süchtig machenden Höllenmaschine müssen auf einem LSD-Trip gewesen sein und die Frau, die dem Ding ihre Stimme geliehen hat, war sicherlich betrunken. Denn zum einen ist bei den wirren Tönen, Lichtern und Geräuschen keinerlei Konzept erkennbar und andererseits sind die Lieder so dermaßen schief eingesungen, dass man eine Gänsehaut bekommt. Abwechselnd tönen Lieder, gruseliges Kinderlachen, eine Zirkusmelodie oder das Aufsagen von Buchstaben aus dem Ding. Dann wieder ruft die schräge Frauenstimme: „Lass uns Bello-Sagt spielen“, „Lass uns zur Musik wippen“und zwei Sekunden später jault sie: „Rock ’n‘ Roll“ oder „Jazz-Musik“, wobei der blechernde Sound keine dieser Musikrichtungen wirklich repräsentiert. Dazu blinken wahllos Tasten, auf denen ein Elefant, ein Delfin, ein Ball, ein Apfel (wtf?!) und ein Clown, der meine schlimmsten Erinnerungen an Pennywise lebendig werden lässt, abgebildet sind. Das pinke Ungetüm hat zudem ein Eigenleben. Manchmal fängt es plötzlich einfach so an, die wirren Melodien in Endlos-Schleife zu spielen. Wobei einem das Herz in die Hose rutscht, wenn plötzlich aus dem dunklen Kinderzimmer Billig-Horror-Film-Kinderlachen gefolgt von einem energischen „Rock ’n‘ Roll“ zu hören ist.

Letztens, nachdem unsere Tochter dem Ruf des Laufwagens gefolgt ist und um 4.30 Uhr im Kinderzimmer Rock ’n‘ Roll machen wollte, war ich in der Plastikspielzeughölle gefangen und zu fertig, um mich zu wehren. Denn unsere Kleine wollte nicht mehr schlafen und war im Spielmodus. So saß ich da, um mich herum muhte eine Kuh aus einem Buch, der Fisher Price Computer (auch das war ein Geschenk) forderte zum Englisch lernen auf mit einem schwungvollen „Hello, das heißt Hallo. Auf Wiedersehen: Goodbye!“, aus dem Laufwagen tönten vermeintliche Karibik-Klänge und aus dem Chicco Würfel waren quakende Frösche gefolgt von Klassikmusik zu hören. Als mein Mann von seiner Nachtschicht reinkam, sagte er nur: „So stelle ich mir die Hölle vor!“ Unsere Tochter klatschte derweil vergnügt in die Hände, wippte aufgeregt zur Musik und strahlte übers ganze Gesicht.

Aus Angst vor Spätfolgen und ADHS versuche ich seither allerdings, die Nervsachen nicht alle in einem Raum aufzubewahren und auch mal wegzulegen. Mit den unmittelbaren Folgen habe ich als Muddi aber schon zu kämpfen. Etwa wenn ich im Supermarkt stehe und plötzlich das ABC summe oder dieses Kinderlachen nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Und manchmal liege ich nachts wach und frage mich, was dieser blöde Apfel auf der blinkenden Taste eigentlich zu bedeuten hat.

Senioren-Invasion oder „Der hat Hunger!“

Wenn man ein Kind hat, zieht man plötzlich eine Spezies magisch an, die einen vorher kaum eines oder eher nur eines mürrischen Blickes gewürdigt hat: wildfremde SENIOREN (wenn man von Begegnungen an der Fleischtheke: „Ich wusste nicht, dass die Schlange dahinten anfängt!“ oder auf dem Radweg: „Sie müssen ja nicht gleich klingeln, nur weil ich mal auf dem Radweg stehe!“ absieht). Die Mitmenschen werden plötzlich netter – zumindest die meisten. Selten wurde ich so oft angegrinst, einfach gegrüßt oder in ein Gespräch verwickelt. Mein Baby nimmt den Menschen die Scheu vor einer Kontaktaufnahme. Und sie nehmen anscheinend einfach an, dass man kein schlechter Mensch sein kann, wenn man ein Baby hat. So weit so gut. Ich finde das toll. Gucken und grüßen ist ja eine nette Sache.

Befremdlich finde ich hingegen die fehlende Scheu von manchen Leuten – vornehmlich älteren Frauen – zielstrebig auf den Kinderwagen zuzusteuern, reinzugreifen und das Baby einfach anzufassen. Da habe ich dann sofort die Melodie von MC Hammers: „U can’t touch this!“ im Kopf und würde mich am liebsten in Slowmotion vor mein Kind werfen. Ein paar Mal hätte ich nach so einer Begegnung am liebsten die Wange meiner Tochter disinfiziert und laut geschrien „Pfoten weg!“ (Stichwort: MUDDIERT!), aber meist meinen die Ladies das ja nett. Und: es nimmt einem relativ schnell den Wind aus den Segeln, wenn jemand sagt, wie niedlich, toll und super duper dein Baby ist. Somit habe ich mich bislang immer zurückgehalten, wenn wieder einmal eine Seniorin zur Streichelattacke ansetzte.

Neben den „Wangen-Streich-Seniorinnen“ gibt es aber auch noch die „Warum-schreit-ihr-Baby-Sie-machen-sicherlich-was-falsch-armes-Kind-Senioren“. Und manchmal, wenn die Sterne ungünstig stehen, wird man von einer Rentnerin attackiert, die beide Senioren-Typen verkörpert. Die Inkarnation den Bösen. Ich hatte diese Begegnung der dritten Art bislang nur einmal, aber das reicht auch völlig. Ich war gerade mit meiner Kleinen in der Innenstadt unterwegs. Wir waren im Baby-Kurs gewesen und danach hatte ich sie gefüttert. Sie war müde und quengelte im Kinderwagen noch ein bisschen rum. Ein bisschen Kopfstein-Pflaster-Geruckel reicht normalerweise aus, wenn die Kleine nicht in den Schlaf kommt. Doch sie wollte nicht so richtig und fing an zu schreien. Da unser Zwerg ein ziemliches Organ hat, zieht man recht schnell die Aufmerksamkeit auf sich. Unangenehm. Dann passierte es: Silver-Generation-Invasion: Prompt kam eine ältere Frau auf mich zugeradelt, stieg ab, eilte zum Kinderwagen, zog das Tuch, das ich davor gehängt hatte, weg und rief ärgerlich: „Der hat Hunger!“ Völlig perplex entgegnete ich nur: „Nein, SIE ist nur müde!“ Doch die Wörter schienen bei der Frau nicht angekommen zu sein. „DER hat Hunger“, rief sie erneut und der Tonfall wurde noch aggressiver. Meine Tochter schrie nun noch lauter. Passanten schauten entsetzt und die Frau redete auf mich ein. Ich war in Schock. Ich flüchtete und rief der Frau nur noch zu:“ Erstens: das ist ein Mädchen und zweitens: Sie hat gerade gegessen. Außerdem geht sie das überhaupt nichts an!“ Ich weiß nicht, wie die Frau reagiert hat. Es hat mich auch nicht interessiert.

Babygeschrei löst bei Menschen anscheinend irgendwas aus. Denn die Toleranzgrenze ist gleich null, wenn man das Kind nicht innerehalb von einer Millisekunde dazu bringt, aufzuhören.

Im Nachhinein ärgerte ich mich über mich selbst. Hätte ich doch dies und jenes gesagt. Ich war einfach überrumpelt. Freunde berichteten mir später von ihren Erfahrungen. Und es scheint, dass fast jede Neu-Muddi einmal eine solche Begegnung hat. Eine Freundin erzählte sogar, dass eine Frau ihrem Sohn einmal einfach den Schnuller aus dem Mund gezogen hat mit den Worten: „Dafür bist da aber zu alt!“ Und ich denke: Für blöde Aktionen ist man anscheinend nie zu alt.

Rock bottom: tiefer geht’s nicht!

Ich hatte heute meinen absoluten Tiefpunkt. Zumindest kulinarisch. Gut, auch stylingtechnisch bin ich heute auf Frauentausch-Niveau angekommen. Aber das soll nicht das Thema sein.

Schlafmangel und absolute Ebbe im Kühlschrank waren der Auslöser – sind aber keine Entschuldigung – für das, was heute geschah.

Frühstück musste ausfallen und somit nahm ich die erste Nahrung um 13 Uhr zu mir. Manche nennen das Brunch. Ich hasse Brunch. Was da auf meinem Teller lag war jämmerlich und ekelig. Ich hatte einen Mc Donald’s Cheeseburger vom Vortag!? in der Microwelle aufgewärmt. Das Brötchen (wenn man es denn so nennen mag) war oben matschig und unten noch nass. Die Frikadelle war krüppelig und der gelbe Käse war seitlich ausgelaufen und klebte nun in harten Kleksen am Teller fest. Um das Grauen noch schlimmer zu machen, garnierte ich den Scheiß auch noch mit Dänischer Remoulade.

So etwas habe ich nicht einmal zu Studienzeiten gegessen.

Ich habe nichts übrig gelassen. Erschreckend. Um mein Gewissen zu beruhigen, nach dieser schrecklichen Tat und angewidert von mir selbst, habe ich dann ein Hipp-Fruchtgläschen Himbeere, Edbeere in Apfel gegessen. Ich esse meinem Kind den Brei weg. Schlimm! Mir ist es sehr wichtig, dass mein Baby nur Bio bekommt, gesund isst und auf gar keinen Fall Zucker zu sich nimmt. Was soll ich sagen. Während ich das Fruchtmus verspeist habe, dachte ich bei mir, dass ein bisschen Zucker dem Geschmack auch nicht Schaden würde.

Shame on me.

Kulinarisch war ich heute kein Vorbild. Ich habe alle Regeln, die für die Ernährung der Kleinen gelten, selbst gebrochen. Naja, sie kriegt es ja nicht mit. Noch nicht. Und während mein Kühlschrank leer ist, stehen im Schrank 50 verschiedenen Bioprodukte für das Baby. Nur das Beste. Vielleicht sollte ich auch mal damit anfangen.

Wenn der DHL-Mann zweimal klingelt…

Ich stehe vor einem Dilemma: Ich liebe Online-Shopping, aber ich hasse Paketzusteller. Nicht die Personen an sich, sondern eher das was damit zusammenhängt – nämlich ständiges Gebimmel an der Haustür. Denn ich bin ja nicht die Einzige im Haus, die gerne und viel bestellt, aber tagsüber bin ich leider meist die Einzige im Haus. Also wird Muddi zur Packstation für alle Hausbewohner und Nachbarn. Für all jene, die arbeiten, im Urlaub sind oder den ganzen Tag zwischen Kita, Grundschule, Krabbelgruppe und Spielplatz pendeln. Bei schlechtem Wetter – also so richtig miesem Wetter – und in den ersten Wochen, verbringt man als Neu-Muddi und Starter-Housewife viel Zeit zu Hause. Da merkt man erstmal, wie oft an einem Tag geklingelt wird, wie häufig die Müllabfuhr zugeparkt wird und einen morgens um 7 Uhr um den Verstand hupt und dass Briefkästen im Hausflur eine ziemlich bescheuerte Idee sind.

Wäre ich keine Muddi würde mir das ständige Geklingel auch gar nicht so sehr auf den Geist gehen, aber es gibt etwas, was Eltern absolut heilig ist: Der Schlaf des Babys!!! Wird dieser durch konstantes Klingeln gestört, dann muddiert Muddi wieder einmal. Denn seit einiger Zeit hat es sich bei den Paketzustellern so eingebürgert, dass direkt zweimal und dann in mehreren Intervallen geklingelt wird. Wer also nicht schnell genug an der Tür ist, muss mit weiteren Klingel-Salven rechnen. Also weise ich freundlich, aber bestimmend die Zusteller daraufhin, dass ich weder schneller laufe, noch besser gelaunt bin, wenn direkt Sturm geschellt wird. Und: Ja, natürlich nehme ich die fünf Pakete für Meyer, Müller und Schmidt an. Und: Nein, der Zusteller brauch kein Zettelchen in die Briefkästen zu werfen, denn ich verteile gerne Pakete in der gesamten Nachbarschaft.

Übrigens reagieren die meisten Zusteller immer sehr nett auf meine Bitte, nur einmal zu klingeln, weil sonst das Baby wach wird. Aber bei zig verschiedenen Diensten und zig vereschiedenen Boten bringt das nicht so viel. Allerdings sind Herr Hermes und ich jetzt Buddies. Er erkundigt sich nun immer nach unserer Tochter und winkt keck, wenn ich sie auf dem Arm habe. Und tatsächlich klingelt er seither nur einmal. Auch Herr DHL grüßt mich schon auf der Straße. Letztens rief er mir zu, dass heute ausnahmsweise mal nichts für mich dabei sei. Das war mir ein wenig peinlich. Ein anderer Bote klagte mir nun sein Leid. Durch den krassen Zeitdruck würden die Boten sogar die Anweisung kriegen, ordentlich Druck an der Tür zu machen und möglichst wenig Pakete wieder mitzunehmen.

Nach einer wahren Paketorgie in unserem Haus zur Weihnachtszeit habe ich deshalb beschlossen, selbst weniger zu bestellen. Das fällt mir nicht leicht, aber common: Babyschlaf ist heilig.

Bauchgefühl vs. Google?

Da ich nie Ratgeber-Bücher gelesen habe, wusste ich vor der Geburt meiner Tochter nicht viel über Babys. Ich wollte irgendwie unbefangen an die Sache rangehen, mich nicht vorher schon verrückt machen, was mein Kind wann können muss und welche Probleme auftauchen könnten. Und ich wollte vor allem eines: auf mein Bauchgefühl hören. Dann habe ich gemerkt, dass genau das gar nicht so einfach ist.

Meine Oma (Jahrgang 1898, nein das ist kein Tippfehler und ja, sie ist natürlich schon tot) hat neun Kinder bekommen. Meine Mutter war die Jüngste und ich war dann auch wiederum die Jüngste (deshalb der krasse Altersunterschied). Bis auf meine Mutter hat sie alle Kinder zu Hause bekommen. Ich wette, dass sie in ihrem Leben nicht einen einzigen Ratgeber gelesen hat, geschweige denn einen Geburtsvorbereitungs- oder -nachbereitungskurs besucht hat. Sie hat kein einziges Kind verloren. Alle waren gesund. Trotz Krieg. Trotz widriger Umstände. Daran muss ich oft denken, wenn ich im Pekip-Kurs sitze und wir ausführlich über Pre-Nahrung, Bio-Brei oder Schlafrituale reden. Oder auch, wenn ich wieder so Sachen wie „Schorf auf der Kopfhaut“ oder „Wann mit Beikost starten?“ bei Google eingebe. Oma hatte kein Internet. Sie hatte keinen Ratgeber mit dem Titel „Oje, ich wachse!“. Sie hatte sicherlich auch andere Probleme.

Nichts gegen diese Bücher. Wenn sie helfen und Orientierung bieten – toll. Dennoch glaube ich, dass Ratgeber auch oft gerade Erst-Muddis ordentlich verwirren. Da hat ein Autor einen bestimmten Ansatz, eine Theorie oder eine bahnbrechende Methode das Kind zum Schlafen oder Essen zu bringen und ein anderer Experte rät genau das Gegenteil. Viele Ratgeber, viele Meinungen. Ähnlich ist es mit dem Internet. Foren verwirren. Viele Meinungen verwirren. Und: sie trüben oftmals die Intuition. Manchmal glaube ich, dass wir vielleicht sogar ein wenig verlernt haben, auf unser Bauchgefühl zu hören, weil wir mit Infos und Meinungen zugespamt werden. Haben wir etwa verlernt, unseren mütterlichen Instinkten zu folgen?

Klar, ist der Austausch mit anderen Müttern wichtig und natürlich ist man wissbegierig. Das ist ganz normal. Familie und Freunde geben Tipps und Ratschläge. Dennoch bin ich froh, dass ich nicht schon im Vorfeld wusste, was im ersten Jahr alles so passiert. Es ist passiert und dann habe ich mich damit beschäftigt. Klar, auch ich habe mich anfangs verwirren lassen von anderen Müttern oder Google-Suchergebnissen. Ich habe mir Bildergalerien von Baby-Stuhl angeguckt und tatsächlich mit dem Windelinhalt meiner Tochter verglichen, um zu sehen, ob die Farbe normal ist. Ich habe nach eingängier Forenecherche sogar Pups-Globuli gegen Koliken im Internet bestellt.

Irgendeine Mutter kennt immer irgendwen, dessen Baby dies und das hatte oder dieses oder jenes passiert ist. Erst-Muddis können anstrengend sein und sie können sich gegenseitig verrückt machen. Nachdem ich einmal panisch beim Kinderarzt saß, weil mehrere Frauen in einem Baby-Kurs der Meinung waren, dass der Bauch meines Kindes irgendwie komisch aussieht und weder ich und der Arzt etwas erkennen konnten, hatte ich die Schnauze voll. Ich dachte nur: Meine Oma hätte mich jetzt ausgelacht – zu Recht. Ich hab mir dann vorgenommen, weniger auf Andere zu hören und wieder mehr auf mein Bauchgefühl. Sonst wäre ich verrückt geworden. Und: Es fühlt sich gut an. Essen, Schlafen, Wachsen – das alles läuft schon irgendwie. Haben andere Mütter ja auch hingekriegt.

Außerdem ist man oft fast schon besessen davon, zu wissen, warum ein Baby gerade eben nicht schläft, schlecht isst, schreit oder quengelig ist. Allgemeine Erklärungsversuche lauten: Zahnen, Wachstumsschub, Verdauung, Schnupfen oder, wenn gar nichts zutrifft: es ist Vollmond.

Einen Grund für das Verhalten von unserer Tochter haben mein Mann und ich in solchen Phasen jetzt immer parat und neben den ganzen anderen Gründen und Vermutungen trifft es das doch am besten: SIE IST EBEN EIN BABY! PUNKT. Klar ist ein Kind quengelig, wenn ein Zahn kommt oder irgendwas anderes wehtut. Klar gibt es ganz viele neue Eindrücke und Fähigkeiten, die auf das Kind einprasseln. Klar gibt es Schübe. Aber alle wollen immer Erklärungen. Wieso? Weshalb? Warum? Die Babyforen sind voll davon. Dabei ist es doch (abgesehen natürlich von Krankheitssymptomen) ganz einfach. ES IST EIN BABY! Das muss man nicht immer verstehen. Und: Öfter mal auf das Bauchgefühl hören.

Rebell-Baby

Auch das süßeste Baby kann einen in den Wahnsinn treiben und vom sweet little girl zu Osama bin Baby mutieren. Wenn die ersten Zähne in die Zeit eines mittelschweren Wachstumsschubes fallen und die Venus in der Waage steht (o.k das ist Quatsch, hört sich aber toll an), dann kann es vorkommen, dass Mama und Papa um 14.35 Uhr noch im Schlafanzug mit tiefen Augenringen im Wohnzimmer neben ihrem schimpfenden Baby hocken und Papa androht, sich gleich ein Bier aufzumachen, wenn das so weiter geht. Zwischen Heulen, Nicht-Schlafen, Quengeln, Robben, Essen, Nicht-Essen, Schimpfen, Weinen, Schreien und Spielen beziehnungsweise Nicht-Spielen ist es tatsächlich für zwei erwachsene Menschen manchmal nicht möglich, einen normalen Tagesablauf hinzukriegen. Gut, heute ist auch ein extremer Tag, denn normalerweise geht mein Mann arbeiten und ich verbringe meine Elternzeit auch nicht nur daheim. Doch unser Kind ist heute ein Terrorbaby.

Was unser Baby nicht will:

Schlafen
Im Kinderwagen liegen
Im Kinderwagen sitzen
Im Kinderwagen schlafen
In der Wippe sizen
In der Wippe spielen
Dass Papa oder Mama sich mit ihr auf dem Arm hinsetzen
Dass Papa oder Mama essen
Dass Papa oder Mama schlafen
Für Baby vorgesehenes Spielzeug
Gewickelt werden
Angezogen werden
Auf dem Rücken auf dem Wickeltisch liegen
Generell liegen
Warten bis der Brei fertig ist

Was unser Baby will:

Wach sein – auch mitten in der Nacht
Robben
Getragen werden (aber bitte in Blickrichtung)
Getragen werden
Getragen werden
Auf dem Arm sitzen, aber nur, wenn Mama und Papa dabei stehen
Auf dem Wickeltisch randalieren und sich in dem Moment umdrehen und wegrobben, in dem die volle Windel geöffnet wird
Kabel in den Mund nehmen
In die staubigste Ecke robben und sich dann mit dem ganzen Körper durch die Wollmäuse wühlen
Unter den Schrank robben, obwohl es dort nicht drunter passt und dann heulen, weil es nicht klappt
Penaten Creme Essen
Feuchttücher aus dere Packung ziehen und dann reinbeißen
Die Brille vom Kopf klauen
Weinen, wenn etwas weggenommen wird
Weinen, wenn etwas nicht klappt
Weinen, wenn Mama oder Papa für eine Sekunde den Raum verlassen
Weinen, wenn der Brei nicht schnell genug fertig ist

Lipstick-Jungle

Ich bin Journalistin und deshalb extrem kritisch, neugierig, ungeduldig und oftmals auch ziemlich klugscheißerisch. Also wusste ich natürlich schon bevor ich überhaupt Mutter wurde, wie Mütter generell so sind und warum ich das schon mal prophylaktisch doof finde. Als Journalist soll man im Beruf ja möglichst objektiv und offen an Themen herangehen – ich weiß nicht wieso – aber privat gelingt mir das nicht unbedingt. Ich bin oft voreingenommen und mache mir ziemlich viele Gedanken über ungelegte und oftmals auch Eier, die mich rein gar nichts angehen.

Als ich schwanger wurde, gruselte mich der Gedanke, „eine von denen“ zu sein. Es war in meiner Vorstellung wie ein Kult. Eine Sekte. Die totale Assimiliation. Wie die Borg bei Star Trek. Keine Frage, ich kenne ziemlich viele nette Mütter. Schließlich ist meine Mutter auch Mutter und meine Schwestern und viele Freundinnen auch. Dennoch hatte ich ein Bild vor Augen: Praktische Frisur, Multi-Funktionsoutfit, Brei und Lülle übersäht. Eine erhobene Zeige-Finger schwingende Mega-Über-Muddi, die drei Jahre voll stillt, Bio kocht, erste Vorsitzende der Krabelgruppe ist, sich seit der Geburt nie wieder geschminkt hat, Hugo für einen lustigen Vornamen hält und nur noch ein Thema hat: KINDER! Es mag den Hormonen geschuldet sein, aber ich lag oftmals nachts wach und hatte dieses Bild vor Augen. Kalter Schweiß und Panik vermengten sich zu einer Anti-Haltung. Ich wollte nicht so eine Muddi werden. Aber ich hatte einfach Angst, dass man automatisch so wird, sobald man ein Kind bekommt.

Nun habe ich das Kind. Bin Muddi. Und:

1) Die Haare sind noch lang. Obwohl ich nun nachvollziehen kann, warum man sich die Haare abschneidet. Denn zum einen nervt einen der extreme Haarsausfall nach der Schwangerschaft so sehr, dass man eh nur noch mit Dutt oder Pferdeschwanz herum läuft und andererseits ziehen Babys so erbarmungslos an den Haaren ihrer Mütter, dass ich mir insgeheim schon oft kurze Haare gewünscht habe.

2) Meine Outfits haben sich auch wieder normalisiert. Und: Hey, die ersten Wochen sind Jogginghosen völlig o.k ( was soll man auch tragen, wenn man nicht mehr vor die Tür kommt und eng anliegende Klamotten die Hölle sind bei diversen Wunden, die noch nicht verheilt sind).

3) Gestillt habe ich auch – naja drei Jahre waren es dann aber doch nicht.

4) Eine Bio-Brei-Kochphase hatte ich – diese war aber nach einem Hungerstreik des Babys schnell überwunden. Clausi kocht ja auch fantastisch und in den Genuss des täglichen Kochens fürs Kind kommt man ja auch noch früh und dann ja auch lange genug. Stichwort: Hotel Muddi.

5) Ich schminke mich jeden Tag. Nicht exzessiv. Nicht perfekt. Aber ich habe eine Routine. Das war meine Regel. Diese eine Sache, die nicht im Chaos der ersten Wochen untergehen sollte. Ich habe seit der Geburt jeden Tag Lippenstift aufgetragen. Nicht für andere. Für mich. Um mich trotz dieser krassen Phase wie ich zu fühlen. Außerdem sehen Augenringe, Kotzflecken und Jogginghose in Kombination mit Lippenstift immer besser aus.

6) Aber: Gerade am Anfang redet man doch extrem viel über Babys. Es wäre wohl auch schlimm, wenn man das nicht täte. Dennoch möchte ich mich an dieser Stelle bei meinen Freundinnen ohne Kinder entschuldigen: Ich weiß, too much information. Dennoch weiß ich immer noch, wer dieser Hugo ist.

The walking wreck

Nach drei Nächten ohne Schlaf – beziehungsweise nur 45-Minuten-Intervallen – geh ich am Stock. Muss aber funktionieren. Ich bin ein Zombie. The walking wreck. Es ist erstaunlich, was der Körper so alles kann, wenn er muss.

Bis zur Schwangerschaft hatte ich ja keine Ahnung, zu was so ein Körper so alles fähig ist und wie cool Hormone eigentlich sind. Nur jetzt hilft mir diese Erkenntnis auch nicht. Ich bin müde. Gut, dass mir vorher niemand gesagt hat, dass man wirklich die ersten Monate, wenn nicht sogar Jahre sehr sehr wenig Schlaf bekommt. Ich, die bekennende Anti-Frühaufsteherin, die schon stolz war, wenn sie es mal vor neun ins Büro geschafft hat. Ich habe mit dem maximalen Ausreizen der Snooze-Taste meinen Mann in den Wahnsinn getrieben. Ich hatte mein Morgenritual so optimiert, dass ich die maximale Schlafzeit herausholen konnte. Das hieß aber auch: Zähneputzen und Toiletten-Gang gleichzeitig, Haare nur föhnen, wenn unbedingt nötig, die Stadtwerke-Bus-Echtzeit-App immer im Blick und wenn angezeigt wurde, dass der Bus in einer Minute kommt, bin ich los gerannt. Unter einer Minute habe ich mich nicht in Bewegung gesetzt. Kaffee und Frühstück am Bahnhof kaufen und im Zug trinken und essen. Ich war stolz auf mein Leben am Zeitlimit. Es hat immer alles so gepasst. Irgendwie brauchte ich den Stress. Irgendwo am Bahnhof warten, empfand ich als Zeitverschwendung. Dann hätte ich ja besser noch ein bisschen schlafen können.

Dann kam das Kind und ich musste mein Leben, mein Zeitmanagement (manche würden eher von einem fehlenden Zeitmanagement sprechen) komplett ändern. Für Eulen ist das besonders hart. Denn abends bin ich immer lange topfit, geh spät ins Bett und mag die Nacht. Menschen wie ich, müssen alles ändern. Auch ihre Einstellung zum Morgen. Ich bin anfangs trotz kurzer Nächte spät ins Bett gegangen. Wollte das Maximum aus meiner knapp gewordenen „Freizeit“ herausholen. Das ging ein paar Monate gut. Da haben mich die Stillhormone noch über Wasser gehalten. Am Anfang braucht man den Schlaf noch nicht so sehr. Das nächtliche Stillen ging erstaunlich gut und die Kleine hat immer schon ganz gut geschlafen. Dann kamen die schlimmen Nächte. Die erste Erkältung, Zähnchen und die Erkenntnis, dass es nicht funktioniert, wenn man um Mitternacht ins Bett geht, ab 1 Uhr nonstop wach ist und man dann noch einen ganzen Tag mit Baby durchstehen muss. An solchen Tagen wird man zu Robo-Muddi. Man funktioniert. Es geht, aber nicht gut. Denn Schlafentzug wird nicht ohne Grund auch als Foltermethode eingesetzt. Es ist Folter. Da passieren dann so Dinge, wie die, dass man sein Kind panisch im Wohnzimmer sucht, obwohl es sich eigentlich von der Spieldecke noch nicht weg bewegen kann und man merkt irgendwann, dass man die Kleine in den Stubenwagen ins Kinderzimmer gelegt hat. Irgendwie lustig und irgendwie auch nicht.

Also, Arschbacken zusammenkneifen und früh ins Bett. Stress vermeiden. Denn spätestens, wenn man den ersten Arzt-Termin zur U-Schlagmichtot um 8 Uhr morgens hat, merkt man, wie schwierig es ist, ein Baby und sich selbst fertig und abmarschbereit zu machen, ohne eine Stunde zu spät zu kommen und wahnsinnig zu werden. Zeitpuffer für Windel, Durst, vollgespucktes Outfit oder spontane Schreiattacken sind notwendig. Was ich jahrelang nicht geschafft hab, muss jetzt sein. Ich habe keine Wahl. Mein Baby hat mich einer Schocktherapie unterzogen und mich erzogen.

Und schon wieder: 1:0 fürs Baby.

Notiz an mich selbst: Ich werde mir zu Weihnachten eine Nacht im Hotel wünschen. Alleine. Ich werden um 12 Uhr einchecken, Filme gucken, Room-Service bestellen und von 22 bis 10 Uhr durchschlafen. YEAH!

You do not mess with muddi!

Es gibt zwei Sorten von Menschen, mit denen man sich nie anlegen sollte:

Türsteher um 3 Uhr nachts.
Mütter um 7 Uhr morgens.

…naja, eigentlich Mütter im Allgemeinen. Denn: Mit der Geburt eines Kindes legt sich anscheinend ein Schalter um. Der Muddi-Schalter. Am Anfang sind es Hormone, die so einiges Regeln und später ist es der Muddi-Killer-Instinkt.

Ich habe diesen Instinkt das erste Mal bemerkt, als ich zu einem Spaziergang mit meiner Kleinen aufgebrochen bin. Eines schönen Tages stiefel ich also mit dem Kinderwagen los. Schon wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt das erste Ärgernis: Ein Fahrrad, das so bescheuerte an eine Laterne gekettet ist, dass ein Vorbeikommen mit Kinderwagen auf dem Bürgersteig nicht möglich ist. Innerlich braut sich Wut in mir zusammen. „Was sind das nur für Menschen, die so etwas machen“, denke ich bei mir, während ich entnervt den Kinderwagen zwischen eng geparkte Autos auf die Straße navigiere und zwei Meter weiter wieder auf den Gehweg hieve.

Wenig später – der Ärger ist bereits ein wenig verpufft – der nächste Burner: Ein Rentner in einer Mercedes D-Klasse übersieht ein Stoppschild und überfährt uns um ein Haar. Ich stehe wild mit den Händen fuchteln neben dem Auto, aber der greise Fahrer nimmt meine pantomimische Tirade nicht einmal wahr und fährt einfach weiter. Jetzt fluche ich laut vor mich hin – das Baby schläft und bekommt von all dem nix mit. Gott sei Dank. Einige Passanten schauen mich allerdings an, als sei ich eine irre Katzenfrau.

Doch der Tag wird einfach nicht besser. Ich schiebe weiter und merke – leider zu spät – dass ich durch einen Haufen Scherben gefahren bin. Super! Mein Adrenalinspiegel steigt. Jeder Radfahrer, der nun zu nah an dem Kinderwagen vorbeiradelt, bekommt das mit einem Kopfschütteln und Knurren quittiert. Ja, ich bin offiziell zu einer irren Muddi mutiert. Ich bin quasi MUDDIERT! Denn: Jede potenzielle Gefahr für das Wohl meines Kindes weckt den Tiger in mir.

Die angestaute Wut entlädt sich schließlich beim Metzger. Wie passend. Ich versuche den Kinderwagen die Treppenstufen zum Eingang auf den engen Absatz hochzuziehen und voll bepackt die Tür aufzumachen, während mir zwei Männer interessiert zugucken, aber keiner auf die Idee kommt, vielleicht einmal zu helfen. Jetzt bin ich wirklich wütend. Ich schaffe es die Tür mit einer Hand zu öffnen, ohne, dass der Kinderwagen die Treppe wieder runterrollt, als mir ein Rentner entgegenkommt und mich fragt, ob ich ihn mal vorbeilassen könnte. TILT. Ich lächel den Mann an und sage überraschend ruhig: „Klar, gerne. Gehen sie nur. Ich halte ihnen gerne die Tür auf, während ich mit meinem Kinderwagen am Treppenabsatz rum balanciere. Klar, kein Ding. Man könnte ja auch wirklich nicht auf die Idee kommen, der Frau mit dem Baby und den Einkaufstüten mal die Tür aufzuhalten. Wieso auch. Außerdem haben sie es als Rentner ja sicherlich auch extrem eilig“. Bäm! Doch ich bin noch nicht fertig. Ich blicke die beiden Männer, die neben der Tür stehen und das Treiben beobachten an und sage – jetzt durchaus zornig und leicht irre klingend: „Es ist wirklich nicht nötig, dass einem irgendwer mal die Tür aufhält oder hilft. Es reicht tatsächlich, wenn sie mich alle einfach nur anstarren!“

Als ich wenig später zu Hause ankomme, bin ich erschöpft von der ganzen Aufregung. Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass es schwieriger und nerviger ist, mit einem Kinderwagen durch die Stadt zu navigieren. Und ich muss die Monster-Muddi ein bisschen in Schach halten. Meine Kopfstimme hat sich irgendwie verselbstständigt und Dinge, die ich sonst nur denke, sprudeln jetzt aus mir heraus. Ein weiterer Punkt für meine To-Do-Liste: Kopfstimme zurück in den Kopf bekommen.

PS: Die Fahrt durch die Scherben hat sich zwei Tage später gerächt – mit einem Platten auf dem Weg zum Pekip. Das war ein Spaß;)