Muddi-Fail: Ich bin nicht perfekt & das ist ok!

Es gibt so einige Tiefpunkte in der Karriere einer Mutter. Der Moment, in dem ich verzweifelt meinem Mann unser Baby in die Hand gedrückt habe, mich im Bad einschloss, den leeren Wäschetrockner angemacht und mich in die Duschkabine gesetzt habe, nur um das Schreien meiner Tochter nicht mehr zu hören, gehört sicherlich zu meinen persönlichen Top-5 dazu. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Ich konnte es nach mehr als vier Wochen nicht mehr aushalten. Dieses Schreien. Den ganzen Tag lang. Ich war allein daheim gewesen und am Ende meiner Kräfte und Nerven. Dann kam mein Mann nach Hause und alles hatte sich entladen. Ich wollte, nein ich konnte es einfach nicht mehr hören. Ich habe mich dafür sehr geschämt. Schließlich hatte ich versagt. Sollte eine Mutter nicht in der Lage sein, das eigene Kind zu beruhigen? Was für eine Looser-Muddi! Heute weiß ich, dass es vielen Eltern am Anfang so geht. Doch ich hatte daran zu knacken. Eine Mutter, die sich im Bad einschließt und vor ihrem Kind weg rennt. Meine Hebamme hat mir später einmal gesagt, dass es das beste ist, was man tun kann, wenn man merkt, dass man nicht mehr kann. Einmal kurz durchatmen. Nicht lange. Nur einen Moment, um nicht verrückt zu werden. Da auch ich dazu tendiere, die Vergangenheit zu verklären, kann ich mir die Situation heute nur noch schwer vorstellen. Doch manchmal zwinge ich mich dazu, an genau diese Situation zu denken.

Trotzanfall deluxe & das schlechte Gewissen

Denn letztens hatte ich auch einen Tag, der ebenfalls nicht in die Geschichte meiner glorreichsten Muddi-Momente eingehen wird: Schlechter Tag, gestresst, müde und das Töchterchen hat ein Trotzanfall deluxe im Hausflur. Ich habe geschimpft und gemeckert und war plötzlich genauso eine Mutter, die ich nie sein wollte. Ich fand mich ziemlich doof. Vor allem, weil ich weiß, dass meine Tochter das liebste und tollste Kind der Welt ist. Aber diese Phasen gehören mit 2,5 Jahren nun einmal zum Alltag dazu. Autonomiephase oder Trotzphase. Wie auch immer man es nennen mag. Ich kann damit eigentlich auch ganz gut umgehen, aber manchmal gibt es eben einen Pädagogik-Fail. Es tat mir Leid, dass ich harsch und  ätzend war. Das schlechte Gewissen malträtierte mich den ganzen Abend. Und deswegen habe ich bei Twitter folgendes geschrieben:

twitter1

Aufgebaut haben mich die Worte von Blogger Steffen (Papa Pelz):

twitter2

Und dann habe ich über die Worte nachgedacht. Es stimmt: Kinder wachsen ja nicht in einer Blase auf. Sie können ruhig merken, dass auch Mama und Papa schlechte Tage haben  – genau wie sie ja auch. Ich bin nicht perfekt. Das wusste ich auch schon vorher, aber als Muddi setze ich mich manchmal zu sehr unter Druck damit. Dann tut es manchmal gut, von anderen Eltern zu hören, dass es allen so geht und völlig ok ist. Meiner Tochter habe ich am nächsten Tag gesagt, dass Mama manchmal einen schlechten Tag hat und eben auch mal sauer ist, doch dass ich sie trotzdem lieb habe. Immer. Daran wird sich nichts ändern. Nie.

An dieser Stelle könnte ich mit einem feuchten Auge den Artikel beenden. Das wäre ein schöner Schluss, aber eben nicht das Leben. Denn exakt einen Tag später hat meine Tochter mich erneut mit einer Aktion zur Weißglut getrieben und während sie etwas immer und immer wieder tat, was ich ihr zuvor verboten hatte, sagte sie plötzlich mit der zartesten Stimme des Universums: „Aber Mama, du hast doch gesagt, dass du mich lieb hast, auch wenn du sauer bist!“ Und plötzlich verwendet meine zweijährige Tochter dieses Argument gegen mich. Und bringt mich zum Lachen. Dafür habe ich sich sogar noch mehr lieb.

Scream: Vom Schreien kalt erwischt

Es hat uns kalt erwischt. Ohne Vorwarnung. Ohne Vorbereitung. Einfach kalt erwischt. Schreien. Ein Thema, dass uns einfach so überrollt hat.

Ich war im Vorfeld keine große Baby-Ratgeber-Bücher-Leserin (gut, bin ich immer noch nicht) und vielleicht waren wir auch ein bisschen naiv. Doch in all den Erzählungen von der tollen kuscheligen ersten Zeit mit Baby kam das Thema „permanentes Schreien“ nicht vor. In den ersten Wochen schläft, trinkt und kuschelt ein Baby. Mehr nicht. Es schreit nur, wenn es Hunger oder die Windel voll hat. Sonst nicht. Zumindest wurde dieses Bild überliefert. Und dann hat man ein Kind, das schreit und schreit und schreit. Vor dem Stillen. Nach dem Stillen. Vor der frischen Windel. Nach der frischen Windel.

Bäm! Schock! Denn unsere Kleine fing bereits in der ersten Nacht daheim an zu schreien. Nicht nur ein bisschen. Nicht wegen Hunger. Sondern plötzlich, ausdauernd und in einer Lautstärke, die ich dem kleinen Würmchen nicht zugetraut hätte. Ja, unsere Tochter hat ein Organ.

Wir hatten von Drei-Monats-Koliken noch nicht viel gehört und von so genannten Schreikindern (ich verabscheue dieses Wort!) hatte ich keine Ahnung. Obwohl ich Mini nicht als solches bezeichnen würde. Dazu reichte laut Definition!? ihre Schreidauer nicht aus. Definitionen sind bei diesem Thema sowieso schwierig. An manchen Tagen hat sie immer, wenn sie wach war, geschrien. Manchmal nur abends. Dann wieder einen Tag nicht und dann wieder jeden Tag. Das passte nie so richtig in das Schema. Wir waren ratlos. Und genau hier setzt dann etwas ein, was wohl viele Neu-Eltern in dieser Situation erleben. Viele Experten sagen und raten viele Dinge zu dem Thema. Die Hebamme sprach direkt von Drei-Monats-Koliken. Der Arzt wiederum von Regulationsstörungen, da es Drei-Monats-Koliken eigentlich nicht gebe. Denn so richtig bewiesen sei die ganze Sache nicht. Allerdings müsse sich die Verdauung des Kindes erst einpendeln und viele Babys hätten anfangs damit zu kämpfen. Die Osteopathin sprach von Blockaden. Das Internet von Geburtstrauma und allen möglichen anderen Dingen.

Es wurden Öle, Zäpfchen, Kügelchen, Lefax, Fönapp, Haltetechniken sowie Schnick und Schnack empfohlen und ausprobiert. Massagen wurden angepriesen (schon mal eine Bauchmassage bei Bauchschmerzen bekommen? Hat man da Bock drauf? Unser Baby nicht!) und immer wieder auf den Fliegergriff oder das Pucken verwiesen. Hätte mir in der Zeit übrigens noch einmal jemand den Fliegergriff zur Linderung empfohlen, wäre ich aus dem Fenster gesprungen. „Ja, den kennen wir. Ja, machen wir. Nein, es hilft nicht immer! Nein, wirklich nicht! Jetzt echt nicht! NEIIIIN!“

Wir haben uns ziemlich verwirren und auch viel aufschwatzen lassen und im Nachhinein kann ich sagen: man muss da einfach durch. Denn so richtig nachweisbar geholfen, hat uns von dem ganzen Kram nicht viel. Klar meint man, dass das eine oder andere etwas Linderung verschafft hat, aber wir wissen es nicht und die Medizin anscheinend auch nicht. Denn einen medizinischen Befund gab es nicht und Medikamente dagegen somit auch nicht. Klar kann man Lefax und Co. geben, aber das will man auch nicht über Wochen und Monate. Außerdem weiß man auch hierbei nie so richtig, ob es hilft. Es ist schon erstaunlich, welche komplizierten medizinischen Eingriffe möglich sind und dennoch stellt das Schreien von Babys Ärzte, Hebammen und Eltern immer noch vor ein Rätsel.

Wir haben übrigens viel Geld für homöopathisch Mittel ausgegeben. Da wurde uns eine Menge empfohlen. Es gibt Globuli mit den tollsten Namen, die laut Internetforen Wunder wirken. Geholfen hat es in unserem Fall nicht. Es ist vielleicht eine Glaubenssache, obwohl wir wirklich für alles sehr offen waren. Letztendlich muss es jeder für sich entscheiden. Mittlerweile sind mein Mann und ich uns übrigens sicher, dass es Bauchschmerzen/Koliken waren. Sie hatte von Anfang an und auch später noch Probleme mit der Verdauung.

Was hat geholfen?* Wir waren einfach für sie da. Nähe. Geborgenheit. Haben sie gehalten und versucht sie zu beruhigen. Haben uns abgewechselt. Das war ganz wichtig und der beste Tipp der Hebamme. Mal alleine kurz rausgehen. Durchatmen. In Schichten trösten. Manchmal auch sich gegenseitig. Wir sind dabei an unsere Grenzen gekommen.

Das Schreien lässt den Adrenalinspiegel in die Höhe schnellen. Man verkrampft. Das Baby tut einem so Leid und gleichzeitig will man nur noch, dass es aufhört. Kein schönes Gefühl. Manchmal keimt Verzweifelung auf. Alltägliches wird zur Herausfordereung. Verabredungen mit anderen Muddis zum Kaffee werden zur Belastungsprobe, falls man hingeht. Alles wird schwierig.Und dann ist man ja auch noch angeschlagen von der Geburt. Kämpft mit dem Schlafmangel und den Hormonen und alles ist neu.

Drei Monate können eine lange Zeit werden. Aber tatsächlich wurde es nach acht Wochen schon besser und nach 12 Wochen war unser Baby wie ausgewechselt. Mit der Verdauung hatte sie noch eine Weile zu kämpfen, aber es ist immer besser geworden. Das war unser Strohhalm, dass es besser wird. Denn wir wussten, dass wir ein fröhliches kleines Mädchen haben und sie das auch sein würde. Und: sie ist es. Heute schreit sie nur noch selten. Wenn sie müde ist und nicht in den Schlaf kommt oder wenn sie krank ist.

* Diese Dinge haben unserer Meinung nach zwischendurch auch mal etwas Linderung verschafft: Kümmelzäpfchen, Herumtragen und durch die Wohnung laufen, Fön-App.