Alles nur eine Phase?! Zwischen Wahnsinn und Frohsinn!

Die wichtigste Lektion, die man als Neu-Muddi schon sehr früh lernt: Gewöhne dich an nichts, denn alles ändert sich wieder. Meistens dann, wenn man es ausspricht. Etwa: „Seit zwei Wochen schläft das Baby super!“ Fail. Nachdem du diesen Satz laut gesagt hast, wird dein Kind nie wieder so super schlafen. Oder: „Bislang war das mit dem Zahnen nicht so wild!“ Möööp! Das Kind wird von nun an dauernd schreien und du wirst die Nächte neben deinem Sprößling bewaffnet mit Osanit Kügelchen und Zahnungsgel verbringen und dir wünschen, nie etwas gesagt zu haben. Auch ein Klassiker: „So richtig erkältet war das Baby noch nicht!“ Schwups! Von diesem Moment an wird die Nase deines Kindes nicht mehr aufhören zu laufen und eine Erkältung wird von der nächsten abgelöst. Das ist ein Gesetz.

Doch es gibt einen tröstlichen Gedanken, der alle Eltern irgendwie über Wasser hält und Hoffnung schöpfen lässt: Es ist alles nur eine Phase! Tatsächlich kann man sich darauf verlassen. Auch, wenn es manchmal unendlich lang bis zum Ende der Phase erscheint. Es hört irgendwann wieder auf. Bis zur nächsten Phase eben.

Bei uns gab es so einige Phasen, die uns an den Rande des Wahnsinns getrieben haben. Hier unsere Hitliste:

Schreiphase

  • Beschreibung: Dauerhaftes Schreien, sobald wach ab dem 3. Tag
  • Dauer: 14 Wochen
  • Launometer: im Keller
  • Erschöpfungsgrad: auf einer Skala von 1-10? 100!

5-Uhr-Phase

  • Beschreibung: Baby wacht um 5 Uhr auf und möchte nicht mehr schlafen
  • Dauer: 3 – 4 Monate
  • Launometer: man gewöhnt sich an alles
  • Erschöpfungsgrad: 6

Kind-wacht-mehrmals-nachts-auf-Phase

  • Beschreibung: siehe Titel
  • Dauer: alle Monate mal wieder für 1-2 Wochen
  • Laumometer: kein Kommentar
  • Erschöpfungsgrad: 7 (seitdem ich wieder arbeite: 9)

Kind-schläft-plötzlich-nicht-mehr-alleine-ein-Phase

  • Beschreibung: von heute auf morgen ging nichts mehr ohne ein bis zwei Stunden Einschlafbegleitung am Abend in Form von tragen, schaukeln oder Hand halten
  • Dauer: 8 Monate
  • Laumometer: Fuck it, dann hab ich eben nie wieder Freizeit
  • Erschöpfungsgrad: 8

Trotzphase

  • Beschreibung: Kind will alles alleine machen und wenn es nicht so läuft, wie gewünscht, dann geht es rund. Von Wegrennen über Dinge wegwerfen bis hin zum Weinkrampf mit auf den Boden werfen, war schon alles dabei.
  • Dauer: andauernd und immer wieder aufflammend
  • Launometer: Auf der Richter-Skala? Je nach Stärke und Dauer des Bebens.
  • Erschöpfungsgrad: Beim Kind? Hoch! Bei den Eltern? Ebenfalls!

Neben den schwierigen Phasen, die zu 90 Prozent mit dem Thema Schlaf zu tun haben, gibt es natürlich auch gute Phasen.

Zum Beispiel: Die Baby-schläft-durch-und-super-Phase oder die 10-Uhr-14-Uhr-Phase, in der unsere Tochter ein halbes Jahr lang wie ein Uhrwerk jeden Tag zwei Nickerchen von jeweils bis zu 2 Stunden gemacht hat. Ein Traum. Das ist nämlich das Gemeine: Wenn super tolle Phasen plötzlich enden. Das läuft dann in etwa so ab:

  1. Verleugnung (nein, die Phase ist nicht vorbei!)
  2. Schock (die Phase ist tatsächlich vorbei)
  3. Trauer (warum ist die Phase vorbei?)
  4. Annahme (die Phase kommt nicht wieder)
  5. Aufarbeitung (bald kommt eine neue Phase)

Egal, wie es kommt, es kommt immer etwas Neues. Somit: Genießt die guten Phasen! Und: Seid euch in schlechten Zeiten sicher: es wird besser. Es ist ein wenig wie ein Glücksspiel. Und noch was: Erzählt niemandem, wie gut euer Kind schläft. Niemals!

Schlaflos in Berlin: Das Ende eines Traumes

Da war ich also: Angekommen am Ziel meiner Träume. Naja vielmehr meiner schlaflosen Nächte. Zwei Jahre hatte ich mir dieses Szenario in meinem Kopf ausgemalt: Alleine im Hotel schlafen. Nur ich und ein Zimmer und Schlaf. Keine nächtliche Störung. Keine Schlafunterbrechung. Kein morgens um 5 oder 6 Uhr aufstehen müssen, weil die Nacht eben zuende ist. Egal welcher Wochentag ist. Ja, ich hatte seit zwei Jahren diesen Traum vom Schlaf. Unberührter purer Schlaf. Wie ein Baby. Nur ohne Baby.

Und dann war es endlich soweit. Dienstreise nach Berlin. Alleine. Ohne Kollegen. Ein Seminar im Herzen Berlins. Zwei Nächte im Hotel. Yess! Das Seminarhotel sah online gut aus. Hatte sogar einen Wellnessbereich. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Doch Träume sind in der Realität meist eben doch nicht so geil. Liegt in der Natur der Sache. Belege dafür gibt es viele. Nehmen wir beispielsweise den süßen Typen, den ich mit 15 im Zeltlager in Griechenland hardcore angehimmelt habe. Als ich ihn zwei Jahre später auf einer Party wieder traf und er mich so dermaßen platt und doof besoffen anbaggerte, dachte ich: was für ein arroganter Arsch. In meinem Kopf hatte sich das Wiedersehen anders abgespielt. Er war weniger hohl. Und weniger besoffen. Ähnlich war es mit meinem Praktikum bei einem Privatsender. Was war ich aus dem Häuschen dort arbeiten zu dürfen. Die ganzen Moderatoren und Promis treffen zu können. Bei den ganz großen Nachrichtenredakteuren über die Schulter gucken. In meiner Vorstellung war ich schon die nächste Antonia Rados. Der Blick in die Kulissen war dann so ernüchternd und anwiedernd, dass ich danach alles wollte, nur niemals zum Fernsehen.

Zwar nicht ganz so dramatsich, aber ähnlich disillusionierend war dann auch meine Reise nach Berlin. Es fing damit an, dass die Sekretärin die Buchung verschwitzt hat, das Seminarhotel dann ausgebucht war und ich auf ein Hotel in der Nähe ausweichen musste. Weniger Sterne. Weniger – sprich: gar kein Wellness. Weniger Schlaf. Denn das neue Hotel, welches in einem schicken DDR-Plattenbau beherbergt war, lag direkt im Kreuzungsbereich einer sechsspurigen Straße inklusive diverser Straßenbahn- und Bushaltestellen – vor meinem Fenster im zweiten Stock. Doppelverglasung? Nope! Ja, genau. Es war laut. In der ersten Nacht wachte ich circa vier Mal auf. Jedes Mal, wenn die Feuerwehr ausrücken musste und das Martinshorn an besagter Kreuzung angeschaltet wurde. Ja ick wes. Großstadt und so. Aber trotzdem! In der zweiten Nacht konnte ich erst gar nicht einschlafen, denn die Luft war so scheiße trocken, dass ich Hustenattacken bekam (ich bin eben alt) und immer wenn ich das Fenster aufmachte für Frischluft, hatte ich das Gefühl, an der Autobahn zu wohnen. Arme Fernfahrer. Wie schläft man eigentlich auf einem Rastplatz?

Im Nachhinein fühlt ich mich nach zwei Nächten im Hotel geräderter als zuvor. Dazu kommt noch, dass ich am ersten Abend eine Migräneattacke (habe ich zwei Mal alle fünf Jahre) bekam und ich mich übergeben musste. Das leckere Essen, welches ich vorher ganz weltmännisch in einem vietnamesischen Streetfood-Laden auf dem Prenzlauer Berg zu mir genommen hatte, landete somit schneller als erwartet in der Toilettenschüssel. Nein, ich kann darüber noch nicht lachen. Morgen vielleicht.

Das Schicksal wollte mir wohl eine Lektion erteilen. Oder Murphy. Oder Gott. Vielleicht: Träume sind Schäume. Vielleicht aber auch: Freu dich über das was du hast. Denn keine Nacht alleine im Hotel kann besser sein, als seine kleine schmusige Tochter im Arm zu halten, ihren Atmen zu spüren und ihre kleinen Hände zu streicheln. Ja, es ist nervig, wenn sie um 3 Uhr wach wird und bis 5 Uhr nicht wieder in den Schlaf findet. Doch es gab in den vergangenen 24 Monaten immer wieder Momente in diesen Nächten da war ich glücklicher als jemals zu vor. Da macht das Herz einen Satz. Und dann kann ich einfach nicht Schlafen. Aber dann ist es vor Glück. Besser wird es nicht.

The walking wreck

Nach drei Nächten ohne Schlaf – beziehungsweise nur 45-Minuten-Intervallen – geh ich am Stock. Muss aber funktionieren. Ich bin ein Zombie. The walking wreck. Es ist erstaunlich, was der Körper so alles kann, wenn er muss.

Bis zur Schwangerschaft hatte ich ja keine Ahnung, zu was so ein Körper so alles fähig ist und wie cool Hormone eigentlich sind. Nur jetzt hilft mir diese Erkenntnis auch nicht. Ich bin müde. Gut, dass mir vorher niemand gesagt hat, dass man wirklich die ersten Monate, wenn nicht sogar Jahre sehr sehr wenig Schlaf bekommt. Ich, die bekennende Anti-Frühaufsteherin, die schon stolz war, wenn sie es mal vor neun ins Büro geschafft hat. Ich habe mit dem maximalen Ausreizen der Snooze-Taste meinen Mann in den Wahnsinn getrieben. Ich hatte mein Morgenritual so optimiert, dass ich die maximale Schlafzeit herausholen konnte. Das hieß aber auch: Zähneputzen und Toiletten-Gang gleichzeitig, Haare nur föhnen, wenn unbedingt nötig, die Stadtwerke-Bus-Echtzeit-App immer im Blick und wenn angezeigt wurde, dass der Bus in einer Minute kommt, bin ich los gerannt. Unter einer Minute habe ich mich nicht in Bewegung gesetzt. Kaffee und Frühstück am Bahnhof kaufen und im Zug trinken und essen. Ich war stolz auf mein Leben am Zeitlimit. Es hat immer alles so gepasst. Irgendwie brauchte ich den Stress. Irgendwo am Bahnhof warten, empfand ich als Zeitverschwendung. Dann hätte ich ja besser noch ein bisschen schlafen können.

Dann kam das Kind und ich musste mein Leben, mein Zeitmanagement (manche würden eher von einem fehlenden Zeitmanagement sprechen) komplett ändern. Für Eulen ist das besonders hart. Denn abends bin ich immer lange topfit, geh spät ins Bett und mag die Nacht. Menschen wie ich, müssen alles ändern. Auch ihre Einstellung zum Morgen. Ich bin anfangs trotz kurzer Nächte spät ins Bett gegangen. Wollte das Maximum aus meiner knapp gewordenen „Freizeit“ herausholen. Das ging ein paar Monate gut. Da haben mich die Stillhormone noch über Wasser gehalten. Am Anfang braucht man den Schlaf noch nicht so sehr. Das nächtliche Stillen ging erstaunlich gut und die Kleine hat immer schon ganz gut geschlafen. Dann kamen die schlimmen Nächte. Die erste Erkältung, Zähnchen und die Erkenntnis, dass es nicht funktioniert, wenn man um Mitternacht ins Bett geht, ab 1 Uhr nonstop wach ist und man dann noch einen ganzen Tag mit Baby durchstehen muss. An solchen Tagen wird man zu Robo-Muddi. Man funktioniert. Es geht, aber nicht gut. Denn Schlafentzug wird nicht ohne Grund auch als Foltermethode eingesetzt. Es ist Folter. Da passieren dann so Dinge, wie die, dass man sein Kind panisch im Wohnzimmer sucht, obwohl es sich eigentlich von der Spieldecke noch nicht weg bewegen kann und man merkt irgendwann, dass man die Kleine in den Stubenwagen ins Kinderzimmer gelegt hat. Irgendwie lustig und irgendwie auch nicht.

Also, Arschbacken zusammenkneifen und früh ins Bett. Stress vermeiden. Denn spätestens, wenn man den ersten Arzt-Termin zur U-Schlagmichtot um 8 Uhr morgens hat, merkt man, wie schwierig es ist, ein Baby und sich selbst fertig und abmarschbereit zu machen, ohne eine Stunde zu spät zu kommen und wahnsinnig zu werden. Zeitpuffer für Windel, Durst, vollgespucktes Outfit oder spontane Schreiattacken sind notwendig. Was ich jahrelang nicht geschafft hab, muss jetzt sein. Ich habe keine Wahl. Mein Baby hat mich einer Schocktherapie unterzogen und mich erzogen.

Und schon wieder: 1:0 fürs Baby.

Notiz an mich selbst: Ich werde mir zu Weihnachten eine Nacht im Hotel wünschen. Alleine. Ich werden um 12 Uhr einchecken, Filme gucken, Room-Service bestellen und von 22 bis 10 Uhr durchschlafen. YEAH!