Die Ruhe nach dem Trotz-Sturm

Meine Tochter ist jetzt drei Jahre alt. Ich habe oft gehört, dass drei das schlimmste Alter sei. Schlimm im Sinne von „Höhepunkt des Trotzalters“. Ich habe auch schon gehört, dass das erste Jahr generell das schlimmste sein soll. Manche behaupten auch, dass Kinder mit zwei den Zenit der Trotz-Hölle erreicht haben. Egal. Ich finde jedes Alter hat etwas mega Schönes und etwas mega Anstrengendes. Außerdem kommen Trotzphasen in Wellen. Zumindest bei uns. Jetzt ist wieder so eine Welle. Und als Mutter komme ich an meine Grenzen. Wieder einmal.

Mini-Mariah freakt aus

Denn ich liebe mein Kind und gleichzeitig könnte ich ausflippen, wenn meine Tochter ausflippt. Und es zerreißt mich, weil ich merke, dass ich dann zu einer Mutter werde, die ich nicht sein möchte. Meine Tochter wandelt sich manchmal innerhalb von Nanosekunden vom zuckersüßen Kuschelmonster zu Chucky der Mörderpuppe. Manchmal glaube ich, eine Mini Mariah Carey vor mir zu haben, die ausfreakt, weil  ihr jemand die M&M’s nicht korrekt nach Farben sortiert in den Backstage-Bereich gestellt hat oder das Evian- Wasser keine Zimmertemperatur hatte.

Erst kürzlich verlebten wir einen harmonischen Vormittag. Mit Spielen, Kuscheln und Tanzen. Es war perfekt. Meine kleine Tochter und ich verbrachten einen wunderschönen Morgen. Dann habe ich einen groben Fehler begangen: Ich habe es gewagt den Klebestreifen ihrer Windel aufzumachen. Das wollte sie nämlich machen. Gesagt hat sie das nicht, aber das spielt an dieser Stelle keine Rolle. Denn plötzlich schrie und wütetet sie. Mit einem hochroten Kopf. „Das wollte ich machen!“, schrie sie. Dann rieß sie sich theatralisch die Kacka-Windel vom Leib und wälzte sich hin und her. Ich habe versucht dagegen zuhalten. Denn: 1. Es war eine Menge Kacka im Spiel und 2. Ich wollte nicht, dass sie vom Wickeltisch fällt oder sich den Kopf stößt. Doch mein Reden und Festhalten brachte sie nur noch mehr in Rage. Es war eine Vollkatastrophe. Sowohl vom Aspekt der Verteilung von Ausscheidungen als auch von der pädagogischen Warte her.

Wrestling mit einem nackten Wüterich. Und Kacka. Ganz viel Kacka.

Zwischendurch habe ich geschrien. Einmal. Ich dachte, dass es von der Eskalationsstufe her passen würde. Aber das tat es nicht. Natürlich nicht. Während des Wutanfalls wedelten vor meinem inneren Auge diverse erhobene Zeigefinger. Ja, ich wusste, dass das gerade eher suboptimal läuft. Meine Mutter würde jetzt sagen: „Also bei mir macht sie das nicht!“ und Katharina Saalfrank würde mir raten aus der Situation raus zugehen. Aber ich bin noch nicht an dem Punkt, an dem ich mein Kind mit nacktem Po auf die stille Treppe schicke. Wir haben auch gar keine richtige Treppe. Egal. Am Ende des Wrestlings guckten meine verheulte Tochter und ich uns mit völlig zerzaustem Haar, roten Gesichtern und verdreckten Armen an. Ohne etwas zu sagen, schauten wir uns einfach nur an. Erschöpft und müde von einem doofen Streit und einem überflüssigen Wutanfall. Wir hielten uns an den Händen. Es war die Ruhe nach dem Sturm. Dieser Moment, wenn alles wieder ruhig ist.

Ich machte sie sauber. Die Windel zogen wir gemeinsam an. Ich sagte, dass sie sich ein wenig ausruhen müsse und setzte sie in ihr Bett. Ich wusch meine Hände und setzte mich dann zu ihr. Sie nahm ihren Plüsch-Hai und ließ ihn in meinen Arm beißen. Ich musste lachen. Wir redeten kurz darüber, was da gerade passiert war. Ich fragte warum sie so sauer gewesen sei und ich berichtete ihr, warum ich so wütend war. Sie streichelte meine Wange. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Weil ich geschrien hatte und weil ich sie festgehalten habe. Ich stellte mir vor, wie all diese tollen Pädagogen und perfekten Mütter die Situation gelöst hätten, ohne dass sie eskaliert wäre. Doch ich habe keine Lösung. Ich kann mein Kind nicht einfach auf einem Wickeltisch liegen lassen. Ich kann sie nicht mit einem schmutzigen Hintern durch die Wohnung laufen lassen. Ich kenne die Gordon-Methode und hab das Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ gelesen. Alles super sinnvoll und viel Gutes dabei. Aber das klappt eben auch nicht immer. Und jetzt? Bad Mom?

Hier würde ich nun gerne ein superschlaues Fazit einbauen, aber es gibt keins. Es gibt Tage, da klappt es und an anderen eben nicht. Wieso? Ich habe schlichtweg keine Ahnung…

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7 Kommentare zu „Die Ruhe nach dem Trotz-Sturm

  1. Ich frage mich aber auch oft, ob man wirklich für jede Entgleisung des Kindes Verständnis haben muss? Es geht ja nicht darum, dass man immer rumbrüllt! Grundsätzlich finde ich es aber wichtig, dass uns unsere Kinder als authentisch erleben. Schlimm finde ich Muttis, die mit ihren Kindern in einer drei Oktaven höheren Haititai-Sprache sprechen. Dann ist man eben mal laut. Man darf ja auch nicht vergessen, wie viel Power – leider auch in Form von Aggressivität – von den Kindern in dem Alter ausgeht. Wer schafft das schon, das immer zu kanalisieren? Ich finde, du hast es doch perfekt gelöst, indem du mit deiner Tochter darüber geredet hast.
    Es ist halt auch die Frage, wie streng wir zu uns selbst sein wollen. Wir machen Job, Haushalt, Kinder, Ehe, Freunde, erinnern uns an unsere Hobbies… Ich habe für mich den wohltuenden Entschluss gefasst, nicht Supermum sein zu wollen. Trotzdem, natürlich (!), frage ich mich jeden Abend im Bett, was ich hätte besser machen können, wo ich hätte geduldiger sein können. Vielleicht gehören fortwährende Dilemmata zum Muttersein? Ich weiß es nicht.

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    1. Du hast Recht. Es ist auch wichtig, authentisch rüber zu kommen. Dennoch gefalle ich mir als Hulk-Mama nicht, aber es ist eben manchmal so. Ich bin leider sehr ungeduldig und deswegen bin ich für die Trotzphase nicht gemacht – aber wer ist das schon….

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  2. Warum nur finde ich mich in jedem Satz wieder…? Ach ja, weil ich hier wohl das männliche Pendant zur deiner Mariah habe. 😉 Und ich habe auch keine Ahnung, wie irgendein normaler Mensch die ganzen tollen Tipps dieser Super-Ratgeber umsetzen soll. Ich sage mittlerweile einfach immer: Ich bin eben nicht zur Kleinkind-Mutter geboren. Ich erkenne mein Scheitern einfach an. Macht es nicht unbedingt erträglicher, aber meine Selbstvorwürfe sind weniger geworden.

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  3. „Ganz viel Kacka“ 😂 Ich musste soooo lachen – ich finde, wenn deine Tochter am Ende eures Kacka-Wrestlings so reagiert und mit dir interagiert, habt ihr erziehungstechnisch wohl vieles richtig gemacht.
    Wichtig ist nicht, dass eine Situation einfach mal so mir nichts dir nichts eskalieren kann ( und das kann sie, in der Trotzphase JEDERZEIT!), sondern wie ihr danach wieder zueinanderfindet. Denn das ist die Kunst. Kann man darüber sprechen – vllt sogar lachen? Oder vergraben sich beide/eine Partei/en?
    Von daher, krasse Kacka-Action – aber wenn das eine Seltenheit ist, läuft’s doch 😉

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