Uncool ist das neue Cool!

Hätte mir vor der Geburt meiner Tochter jemand gesagt, dass ich mal zu Baby-Kursen renne, Krabbel-Treffen organisiere und mit Snacks in Tupperdosen auf dem Spielplatz stehe, dann hätte ich nur vehement mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Das passiert mir auf keinen Fall!“ Wahrscheinlich hätte ich der Person auch noch einen Vogel oder schlimmeres gezeigt. In der Post-Baby-Welt war unsere größte Angst, uncool zu werden. Denn Kinder machen spießig. Und schwupps ist man selber spießig. No way José! Passiert uns nicht!

Gut, es passiert dann doch. Hormone und so. Ok, ich kann nicht alles auf die Hormone schieben. Es ist einfach so. Kinder machen was mit einem. Das ganze Ausmaß ist mir aber erst kürzlich bewusst geworden.

Denn dann kam der Maifeiertag. Mein Mann hatte ein Plakat gesehen. Ein kleines Fest im Park mit Grillstation und Hüpfburg. Wir hatten nichts vor. Das Wetter war schön. Also auf zum Fest im Park. Als wir dort ankamen der Schock: Eine große deutsche Partei war Ausrichter des Festes (keine Panik: keine ganz rechts und keine ganz links – ok, jetzt gibt es ja nicht mehr so viele Möglichkeiten…). Ballons und alle erdenklichen Werbeartikel mit Parteilogo zierten Buden, Bänke und Hüpfburg. Die Hölle. Ich stieß meinem Mann in die Seite und raunte: „Und das stand nicht auf dem Plakat??“ Wir hatten die Wahl: Weitergehen oder Wurst essen. Wir hatten Hunger und unsere Tochter reckte sich interessiert aus dem Kinderwagen beim Anblick der Ballons, die im Wind so lustig hüpften. Also standen wir plötzlich unter einem Partei-Schirm auf dem Partei-Fest mit einer Partei-Wurst in Partei-Serviette eingeschlagen. Als dann noch ein Pantomime auftauchte und lustige Ballon-Tiere formte, holte ich mir ein Bier und trank es wortlos halb aus. „Nein, nicht auch noch ein Clown“, seufze mein Mann. Aus dem Lautsprecher dröhnte plötzlich auch noch die Titelmelodie von Dawson’s Creek. Der Serie unserer Jugend. „I don’t want to wait for this life to be over…“ Wie passend. Und dann konnten wir nicht mehr. Wir prusteten vor Lachen. Das war sooo uncool, dass es schon wieder cool war. Wir blieben noch auf ein weiteres Bier und eine Waffel. Wir ließen uns darauf ein. Nicht auf die Partei, sondern auf das Fest. Diese totale Spießigkeit. Unsere Tochter bekam dann sogar noch einen Ballon und ein Windrad mit Logo, obwohl ich mich noch daran erinnern kann, dass ich mal gesagt habe, dass ich es widerlich finde, wenn Eltern ihre Kinder als Werbefläche missbrauchen.

Ja, ich weiß. Epic fail! Ich habe meine Seele verkauft. Für ein Kinderlächeln. Aber was soll ich machen, wenn das eigene Kind mit mega großen Augen und dem süßesten Stimmchen der Welt „Da. Haba!“, ruft…dann gibt es eben doch den scheiß Ballon. Aber sie hatte Spaß, wippte zur Dawson’s Creek Melodie und spielte selig mit dem Ballon.

Ein Kind zu haben, bedeutet anscheinend ständig, seine vorherige Meinung über Bord zu werfen oder zumindest sie zu überdenken. Es bedeutet, sich zu verändert. Uncool zu sein und es gut zu finden. Und: Wenn man sich erst einmal darauf einlässt, dann ist Uncool das neue Cool.

Den Ballon habe ich übrigens am nächsten Tag unter dem Kinderwagen versteckt. Er war mir peinlich. Man muss es ja auch nicht übertreiben.

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3 Kommentare zu „Uncool ist das neue Cool!

  1. Oh man, könnte wohl auf Anhieb 100 Prinzipien nennen, die ich im Laufe der letzten 1,5 Jahre einfach über den Haufen geworfen habe. Manchmal ist der Alltag mit Kind anstrengend genug. Man muss es sich also nicht noch schwerer machen, als es ist…

    LG
    Daniela

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